Griff nach dem Ideal

Das Wertvolle am Gestalten schöngeistiger Texte liegt in der ständigen, injungierten Versuchung, den am Prozess des Werdens eines Manuskripts meist unbeteiligten Leser letztendlich mit Hilfe des gedruckten Buches auf eine bunte, bilderreiche und außergewöhnlich lange Reise quer durch das unergründliche Meer voller literarischer Möglichkeiten zu entführen, wobei die essentielle Aufgabe des schreibenden Menschen in der spiegelbildlichen Darstellung gesellschaftlicher Vorgänge liegt.

Schreiben bedeutet das unaufhaltsam pulsierende Ringen mit dem Abenteuer, wie durch positioniertes ´Stellen von Schrift´ eine adäquate, projizierende, lebendige und allgemein gültige Ausdruckform für eine stetig wandelnde Wirklichkeit gefunden werden kann; doch darüber hinaus gilt es, die Magie des flüchtigen Augenblicks einzufangen und mit einer persönlichen Note zu verbinden, um das entstandene Schriftgebilde als konkretes Sprachrohr des Autors, dem herrschenden Status Quo wirkungsvoll gegenüber zu stellen.

Immer wieder beflügelt durch die eigene Phantasie bekämpft der Schriftsteller als leidenschaftlicher Moralist sämtliche Konventionen, verlangt nach Begründungen, die er dem Handeln zugrunde legt und unterliegt einem ständigen Zweifeln und Recherchieren.

Er zeigt die sich im Zusammenpacken befindende Welt wie sie ist, gleichzeitig (meist enttäuscht) drückt er aus, wie sie sein könnte…und gestaltet somit zwangsläufig erneut eine Welt, in der er das Leben und dessen Blüten skizziert, dabei ein Universum an Fragen aufwirft, dazu meist lediglich einen einzigen Protagonisten samt seiner charakterlichen Mannigfaltigkeit benötigt, um die zentrale Problemstellung einer ganzen Gesellschaft zu verdeutlichen…denn nur in Ausnahmesituationen fern dem Alltäglichen zeigen sich die Menschen so, wie sie wirklich sind!

Es ist die Qualität, die ihn interessiert und von der er sich gefangen nehmen lässt…das Schöpferische, das Regsame, das Wollen und das Streben, um sich im Zustand reibungsloser Kongruenz zwischen Idee und Ausdruck der schaffenden Elemente: Rhythmus, Tempus, Eleganz und Härte zu bedienen.

Er arbeitet nicht wie am Fließband.

Er ist kein kaltes Wesen, welches keinen Sinn für die hohe Kunst des Schreibens hat.

Er komponiert!

Um diesen Griff nach dem Ideal als dynamischen Prozess des Werdens am Leben zu halten, muss der Schriftsteller seine eigenen Ressentiments gegenüber anderen stringent überwinden, weil nämlich nur so der Freiheit des Geistes die ihr zustehende, natürliche Entfaltung unter schöpferischen Individuen gewährt werden kann.

Arbeitet also ein solcher Mensch über ´Sehnsucht nach Weisheit und Wissen´, so skizziert er – völlig unbeabsichtigt – meist ein Profil seiner eigenen, inneren Verlorenheit.

Der Schriftsteller distanziert sich aber auch vom inneren Gefüge seines Werks, fährt mit scharf richterlicher Hand und pathologischer Präzision durch sein Gedankensammelsurium; er hobelt, er schneidet, er verwirft und setzt zuletzt durch sein facettenreiches Spektrum die fragile, vormals bewusst zerstörte, fragmentarische Komposition zu einem harmonischen Gebilde zusammen: sein Manuskript, sein Heiligtum, seine Seele.

Ein Lektor kann unter Umständen dem Ganzen im technischen Teil der Buchgestaltung zwar den letzten Schliff verleihen, doch erst die enge Zusammenarbeit zwischen Verleger, Autor, Illustrator, Lektor und Buchdrucker lässt ein wirklich schönes und auch erfolgreiches Buch entstehen, durch welches sich der Geist der Freiheit und vor allem: die Aura der Liebe im Umgang mit Sprache und Schrift als die elementaren Stützen zur Gestaltung eines ordentlichen Werks entfalten können.