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Yoyogi Park

Yoyogi Park

Japan-Krimi

Ein fesselnder Roman mitten aus der japanischen Kultur (Premium-Taschenbuch, € 12,95 [D], € 13,40 [A], SFr. 18,90* [CH], ISBN 978-3-943176-62-9)

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Yoyogi Park

Japan-Krimi


Unter Kirschblüten

Ai lag im Gras, die Augen geschlossen, umweht von einer warmen Brise, die die ersten Kirschblüten des Frühlings sanft auf ihr Gesicht legte. Yuka Sato und Shun Nakashima schauten sie lange an, ohne ein Wort zu sagen, als wollten sie das Mädchen nicht wecken.

Schließlich fragte Inspector Sato: »Was meinen Sie, wie lange liegt sie hier schon?«

»Nach dem, was wir wissen, wurde sie vor zwei Stunden bei der morgendlichen Parkreinigung gefunden«, antwortete Assistant Inspector Nakashima. »Gestern war Samstag, und gutes Wetter. Da war der ganze Park voller Menschen, die Hanami-Partys gefeiert haben. Sie kann also nicht lange tot hier gelegen haben, ohne dass es jemand bemerkt hätte.«

»Möglicherweise ist sie nicht hier gestorben. Oder nicht hier ermordet worden.«

»Vielleicht war es kein Mord. Überdosis? Krankheit? Sie wirkt sehr friedlich.«

»Sie wirkt sehr blass. Blutleer.«

»Ich sehe kein Blut.«

»Das meine ich. Wo ist das Blut? Im Körper scheint sehr wenig zu sein.«

»Oder sie ist so geschminkt. Sie kennen doch die jungen Dinger.«

Junge Dinger? Sato fühlte sich nicht alt genug, um über Jugendliche despektierlich zu sprechen oder sich von ihnen abzugrenzen. Dabei war sie schon Mitte 30. Sie fragte sich, wann es aufhören würde, dass man sich wie 20 fühlte. Mit 40? 50? Mit eigenen Kindern? Nie? »Ich benutze auch Schminke«, sagte sie. »Das ist keine.«

»Die Todesursache wurde noch nicht festgestellt. Wir müssen warten, bis die Kollegen von der Spurensicherung fertig sind.«

»Wozu?«

»Um die Leiche zu bewegen.«

»Wir haben doch insgesamt vier gesunde Arme und Hände. Und Polizeiabzeichen. Und Handschuhe.«

Nakashima zögerte. Es war nicht an ihm, seine Vorgesetzte zu kritisieren, auch wenn ihr gutes zwischenmenschliches Verhältnis kaum von hierarchischem Gefälle bestimmt war. Schließlich sagte er: »Das ist aber nicht unsere Aufgabe. Wir dürfen am Tatort nichts verändern, bevor der diensthabende Pathologe seine Zustimmung gegeben hat.«

Sato hasste es zu warten. Sie zeigte auf die uniformierten Polizisten, die den Tatort absperrten. »Die haben hier doch schon alles fotografiert und abgezeichnet. Wir können auch noch ein paar Fotos von dem Mädchen machen, wenn es Sie beruhigt. Dann bewegen wir die Leiche.« Sie holte ihr Mobiltelefon aus der Innentasche ihres beigen Trenchcoats. Es war eines der neuen P-Phones, wie Nakashima nicht ohne Neid bemerkte. 3.000 dieser Wunderdinger waren an Tokios 43.000 Polizeibeamte ausgegeben worden, nachdem sich die Kommunikation per Mobiltelefon beim Polizeieinsatz während des Amoklaufs von Akihabara 2009 als verlässlicher und effizienter erwiesen hatte als der gute alte Funkverkehr. Der 25-jährige Fabrikarbeiter Kato Tomohiro hatte in der Fußgängerzone von Electric Town sieben Menschen getötet und zehn verletzt, eine grauenvolle Premiere im Land mit der niedrigsten Mordrate unter den Industrienationen der Welt. Jedoch: Hätte die Polizei nicht so schnell und vorbildlich koordiniert zugegriffen, wäre der Ausgang mit Sicherheit noch um einiges grauenvoller ausgefallen. Die P-Phones sollten zukünftige Zugriffe noch vorbildlicher koordinieren helfen. Sie waren ausgestattet mit Kameras und Navigationssystem, ermöglichten unkomplizierte Konferenzgespräche und gaben Fotos und andere Daten in Windeseile weiter. Nakashima war ein Gadget-Freak. Er war stolz darauf, zu den ersten japanischen Käufern des ersten iPads zu gehören, er hatte sich extra einen seiner wenigen erlaubten Krankheitstage genommen, um am Erstverkaufstag vor dem Apple Store auf der Edel-Einkaufsmeile Ginza anzustehen. Auf das P-Phone seiner Vorgesetzten war er dennoch neidisch, auch wenn es dafür kaum attraktive Apps gab. Es war die Exklusivität. Da half weder Anstellen noch Kampieren. Der Chief Superintendent allein entschied, wer eines bekam. Police Inspector Sato hatte Glück gehabt, mit ihrem bestenfalls mittleren Rang eines der Geräte erhalten zu haben.

Gerade als Yuka Sato ihre Tatortfotos schießen wollte, erklang der Klingelton, den sie Anrufen von dienstlichen Anschlüssen zugewiesen hatte. Sie nahm das Gespräch an, hörte zu, runzelte die Stirn, grunzte ein paar Mal Zustimmung und beendete das Gespräch mit einem »Bis gleich also.« Direkt danach wandte sie sich an ihren Partner: »Keine Sorge, wir müssen das Protokoll nicht verletzen. Die Pathologie schickt gleich jemanden.« Trotzdem zog sie sich weiße Einweg-Latexhandschuhe über und reichte Nakashima ebenfalls ein Paar.

Er nahm die Handschuhe entgegen und lächelte Sato an. »Mission:Impossible? Ist das Ihr Ernst?«

»Ist doch eine gute Melodie für einen Klingelton. Motiviert mich. Wenn ich den höre, weiß ich, dass das Gespräch etwas mit einem Einsatz zu tun hat.«

»Das ist ein furchtbarer Film!« Shun Nakashima äußerte bedenkenlos Kritik am Geschmack seiner Chefin. Nichts taten die beiden lieber, als nach Dienstschluss bei ein bis sechs Bieren mit freundschaftlicher Unbarmherzigkeit die vermeintlichen popkulturellen Defizite des Anderen zu benennen und auseinanderzunehmen.

»Der Film hat Schwächen,« gab sie zu, »aber den Film meine ich auch gar nicht mit dem Klingelton, sondern die klassische Fernsehserie aus den Sechzigern.«

»Der Ton, den ich gehört habe, ist aber die verpopte Version von Larry Mullen und Adam Clayton aus dem Film.«

»So viel Abstraktionsvermögen sollte man als angehender Inspector schon mitbringen. Das Original von Lalo Schifrin gab es nicht als legalen Download, und ich kann kaum einen schwarzkopierten Klingelton auf ein Polizeitelefon spielen.«

»Eben waren Sie noch drauf und dran, unvorschriftsmäßig eine Leiche zu bewegen.«

Beide schauten wieder auf das tote Mädchen im Gras und hatten sofort ein schlechtes Gewissen. Es schien nicht richtig, in der Anwesenheit einer Toten heitere Gespräche über Klingeltöne zu führen. Sie hoben die Hände vor den Gesichtern zusammen und deuteten eine Verbeugung in Richtung der Leiche an.

Das Telefon in Shun Nakashimas dunkelblauer Uniformjacke ertönte. Es war ein seltsamer Ton. Er begann wie eine nüchterne Standardeinstellung, versickerte dann in einem traurigen digitalen Gluckern, als wäre das Telefon defekt. Das Gespräch verlief exakt wie das, das Sato unmittelbar zuvor geführt hatte.

»Der Kollege ist so gut wie da«, informierte Nakashima seine Vorgesetzte anschließend.

»War ja klar.«

»Was?«

»Dass sie es dem Mann auch noch sagen mussten, falls die Frau es nicht kapiert hat.« Sato meinte es höchstens halb im Scherz. Sie zog die Stirn kraus und zeigte auf das Handy ihres Kollegen. »Diesen Ton höre ich ständig, besonders hier im Shibuya-Distrikt. Was ist das eigentlich?«

»Das ist aus Crank«, erwiderte Nakashima stolz. »So hört der Typ in dem Film sein Telefon. Er ist vergiftet, was seine Sinneswahrnehmungen beeinträchtigt.«

Sato seufzte. »Crank? Ist das Ihr Ernst?«

»Es ist ein guter Film, aber Frauen verstehen das vielleicht nicht.«

»Das ist ein Film für 14-jährige Jungs mit dem IQ vierjähriger Jungs!«

»Ich sagte doch: Frauen ...«

Sato fiel ihm ins Wort. »Der Film ist stupide, gewaltverherrlichend und frauenfeindlich!«

»Wenn Sie es sagen, klingt das so negativ.«

Sato knuffte ihn kumpelhaft. Es war eine Geste verschlüsselter Zuneigung, tat aber trotzdem weh. Er wich einen Schritt zurück, trat dabei auf den roten Schuh des toten Mädchens. Erschrocken sprang er zur Seite, den Blick beschämt zu Boden gesenkt.


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