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Beijing Baby

Beijing Baby

China-Krimi

Ein fesselnder Krimi mitten aus der modernen chinesischen Kultur (Premium-Taschenbuch, € 12,95 [D], € 13,40 [A], SFr. 18,90* [CH], ISBN 978-3-95889-100-5)

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Beijing Baby

China-Krimi


 25. FAMILIE 1


Als Inspektor Wang sein Wohnzimmer betrat, roch es bereits nach Tofu, Sichuanpfeffer und Frühlingszwiebeln. Seine Frau hatte ihn gebeten, heute zu Hause Mittag zu essen.

»Gibt es einen besonderen Anlass?«, hatte er gefragt.

»Ich hätte dich einfach gerne einmal mittags zu Hause, so einfach ist das«, hatte sie gesagt, Hundertjährige Eier vom Markt gekauft und Mapo Doufu – Tofu nach Art der Frau Ma – zubereitet. Ein Sichuan-Gericht, das der eingefleischte Pekinger Wang trotzdem gerne aß. Die Hundertjährigen Eier mischte sie mit Tofu und kurzgegrillten scharfen Paprika und machte sie mit einer Soja-Essig-Ingwersoße an.

»Wie läuft der Fall?«, fragte sie und füllte eine Kelle Reis in seine Schüssel.

»Die Hundertjährigen Eier sind sehr gut«, sagte Wang und nahm sich ein Stück Tofu vom Teller. Er hatte keine Lust, über die Arbeit zu reden.

»Sag mal, hast du mit dem Wohnungskomitee geredet?« Wangs Frau setzte sich neben ihn und legte eine Hand auf sein Knie.

»Der Fall ist komplizierter als gedacht«, antwortete Inspektor Wang dann doch. Über dieses Thema wollte er noch viel weniger reden. Er blickte an seiner Frau vorbei auf den Innenhof. Als sie Anfang der 80er-Jahre hier eingezogen waren, hatten sie nur das heutige Wohnzimmer gemietet. In jedem der anderen Zimmer wohnte eine andere Familie. Über die Jahre waren die anderen Bewohner alle ausgezogen, meist in neue Appartements in den Außenbezirken. Augenblicklich hatten sie drei Zimmer gemietet, ein Wohn-, ein Schlafzimmer und eine Abstellkammer, in der sich alles stapelte, was die Familie in den letzten 35 Jahren angesammelt hatte. Seine Frau lag Inspektor Wang schon seit Jahren in den Ohren, dass sie das leerstehende Nachbargebäude mieten und dort ein Bad mit Toilette einbauen sollten. Seit das Viertel vor gut 15 Jahren an die Kanalisation angeschlossen wurde, hatten sich die meisten Nachbarn die entsprechenden sanitären Anlagen gegönnt. Nur die beiden hinteren Höfe waren weiterhin auf die öffentlichen Toiletten angewiesen, sehr zum Leidwesen von Inspektor Wangs Frau und Frau Shi, der Nachbarin, die ihrem Mann ebenfalls schon jahrelang vergeblich in den Ohren lag. Doktor Fan war vor zwei Jahren von seinem beengten Hofhaus im Hutong in einen der modernen Appartementblocks am Jiaodaokou gezogen, gerade einmal 500 Meter von seiner alten Bleibe entfernt. Fan hatte das Hofhaus nur wiederwillig verlassen, aber seine Frau hatte nicht eher Ruhe gegeben, bis er zugestimmt hatte. Inzwischen hatte er sich anscheinend an die Annehmlichkeiten der neuen Wohnung gewöhnt. »Zentralheizung statt Ofen, fließend warmes Wasser, isolierte Fenster«, hatte er Wang neulich vorgeschwärmt. »Dazu deutlich mehr Platz! Und meine geliebten Hutongs sehe ich täglich auf der Arbeit. Bei klarem Wetter kann ich sogar aus dem Wohnzimmer die Westberge am Horizont sehen.« Manchmal vermutete Wang, seine Frau hätte Doktor Fan dazu angestiftet, ihm vom Komfort des modernen Lebens vorzuschwärmen.

»Diese Kommissarin denkt, sie hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen, und die Politik mischt sich zunehmend in die Sache ein.« Wangs Blick blieb an der Küche hängen, die sich, wie vor 35 Jahren, immer noch unter einem Dachvorsprung im Innenhof befand. Vielleicht hatte seine Frau ja recht, und sie sollten die restlichen Zimmer mieten und ausbauen. Was aber, wenn Wang pensioniert würde und die Familie plötzlich deutlich weniger Geld zur Verfügung hätte? Wangs Frau war schon mit 50 in Rente gegangen und verdiente sich als Babysitterin bei einer Familie im Nachbarhof ein wenig dazu. Zuvor hatte sie als Buchhalterin in einem bekannten Restaurant gearbeitet und mehr als er verdient.

»Der Tofu ist lecker«, sagte er und zündete sich eine Zigarette an.

»Rauch nicht so viel«, bemerkte seine Frau trocken. Ein Ritual, das sich bei fast jeder Zigarette wiederholte. Sie wusste, dass er nie aufhören würde. Und er wusste, dass sie ihn immer wieder bitten würde.

»Ich habe mit unseren Nachbarn gesprochen. Sie würden sich an der Miete beteiligen und wir würden das Bad dann zu viert benutzen. Das wären dann 800 Yuan Miete für die beiden Zimmer, durch zwei macht das 400 Yuan pro Familie. Das sollten wir uns doch leisten können, oder?«

Sie legte ihm mit ihren Stäbchen ein großes Eiviertel in seine Schüssel, stand auf und holte eine Flasche Erguotou aus dem Regal »Mach dir nicht so viele Gedanken über den Fall. Wenn du keine Lust mehr hast, geh in Pension. Hier gibt es genug zu tun, wenn wir das Bad einbauen.«

Dann holte sie ein kleines Porzellanschälchen aus der Küche, stellte es auf den Tisch und nahm die Thermoskanne mit abgekochtem Wasser, um das Schälchen gründlich auszuspülen. Anschließend goss sie ihrem Mann den Schnaps ein.

Wang leerte den Schnaps auf einen Zug. »Ich muss gleich wieder gehen«, sagte er. Seine Frau goss ihm ein zweites Glas und dann sich selbst ein. Blickte ihn an. Er wusste, dass auch sie ein wenig Angst vor der Pensionierung ihres Mannes hatte. Und das nicht zu Unrecht. Selbst an seinen freien Tagen hielt ihn kaum etwas zu Hause. Er brauchte seine Arbeit, hatte wenig Spaß daran, einfach nur in seinem Wohnzimmer zu sitzen und nichts zu tun. Ab und zu spielte er eine Partie chinesisches Schach mit dem Alten Hu, dem Zeitungsverkäufer. Kommentierte zunehmend lustlos die politischen Entwicklungen. Wang wusste, dass seine Frau gerne einmal mit ihm in den Urlaub fahren wollte, um etwas zu sehen von China. Aber hatte er tatsächlich Lust, seine gewohnte Umgebung, die Hutongs, für eine längere Zeit zu verlassen?

»Prost!«, sagte sie und hob ihr Glas.

»Prost«, antwortete Inspektor Wang geistesabwesend und wunderte sich, dass seine Frau zum Mittagessen Alkohol trank. Normalerweise bat sie ihn ständig, weniger zu trinken. Gesünder zu leben. Inspektor Wang verwies dann auf seine täglichen Qigong-Übungen und seine gute körperliche Konstitution.

Seine Frau war ihm über die Jahre fremd geworden. Nein, nicht wirklich fremd, aber sie hatten die letzten Jahre mehr oder weniger nebeneinanderher gelebt. Vor allem seit sie in Rente war, hatten sie sich kaum etwas zu erzählen.

Inspektor Wang hob das Glas, schaute seine Frau kurz an und trank es dann aus. Seine Frau erwiderte die Geste. Dann räumte sie den Tisch ab, wischte mit einem feuchten Tuch hinterher.

Langsam erhob sich Inspektor Wang und verließ den Wohnhof.

»Pass auf dich auf!«, rief sie ihm hinterher.

 

26. FAMILIE 2


»Na, den würde ich mir auch mit nach Hause holen«, rief Xiangs Schwester, als Xiang Xia mit Phillip die Wohnung betrat.

»Xiang Mei, die große Schwester deiner Geliebten«, stellte sie sich vor und gab ihm die Hand. Hielt sie einen Moment zu lange. Qingren – Geliebte – hatte sie gesagt. Auch wieder so ein Wort mit leicht schlüpfriger Bedeutung. Oder auch nicht. Phillip kam langsam mit den Begrifflichkeiten durcheinander. Wenn xiaojie, das Fräulein, nun eine Prostituierte war, Schwule sich Genosse nannten und man im Billigpuff nach einer Kopfmassage fragte, wenn man Sex wollte, dann würde der Ausdruck qingren auch schon längst seine Unschuld verloren haben. Manchmal kam ihm China wie ein riesiger Puff vor, an dessen Eingang man ein Schild mit der Aufschrift »Disneyland« gehängt hatte.

»Und, unschuldig?«, hatte er Xiang Xia begrüßt, als sie nach einer halben Stunde wieder auf die Dachterrasse gekommen war.

»William sieht ja aus wie Jimmy Sommerville von Bronski Beat«, sagte Xiang. »Und Kuldeep wollte sich gleich mit mir verabreden! Aber um es kurz zu machen: Beide haben dich an dem Morgen nicht gesehen.«

»Da bin ich aber froh! Jetzt musst du nur noch ausschließen, dass ich an der Dachrinne nach oben geklettert bin, dann kannst du mich auch mit zu dir nach Hause nehmen.« Phillip ging einen Schritt auf Xiang Xia zu und wollte sie umarmen.

»Wäre das theoretisch möglich?« Xiang hielt ihn mit ausgestreckten Armen auf Distanz.

»Du hast die Brüstung der Dachterrasse ja gesehen. Das ist fast wie ein Überhang, da kommt man nicht einfach hoch.« Phillip hatte ihre Arme genommen, sie langsam zur Seite gebeugt und Xiang geküsst. »Woher kennst du denn Bronski Beat?«

»Die westliche Musik der 1980er ist in China gerade ziemlich in!«

Eine gute Stunde später standen sie bei Xiang Mei in der Wohnung. Phillip hatte mit dem Fahrrad fahren wollen, Xiang Xia aber auf die Metro bestanden. Ein Fahrrad besäße sie nur in Yunnan und das Leihfahrradsystem in Peking hätte sie noch nicht verstanden. Das hatte Phillip überzeugt, obwohl er die Metro mit ihren vielen Menschen überhaupt nicht mochte.

»Echt schnuckelig, dein Typ«, sagte Xiang Mei. Eigentlich hatte sie »kleiner Junge« gesagt: xiao huozi. Phillip kam sich vor wie auf Fleischbeschau.

»Hauslieferung des ausländischen Monsters!«, rief er und ging an Xiang Mei vorbei in die Wohnung. Ihre Schwester sah Xiang Xia ziemlich ähnlich, war ein wenig kleiner als sie und hatte eine gewisse Härte in den Gesichtszügen. Ihre Nase war für chinesische Verhältnisse ziemlich groß und die Augen ungewöhnlich rund. Phillip vermutete, dass sie sich, wie viele Chinesinnen ihrer Generation, die eine oder andere Schönheitsoperation gegönnt hatte.

»Reiß dich zusammen«, zischte Xiang Xia ihrer Schwester im Vorbeigehen zu.

»Setzt euch, trinkt einen Tee«, sagte Xiang Mei. »Nur dass ich keinen Tee habe. Ist halt so ’ne Redensart! Wie wär’s mit einem Kaffee? Meine kleine Schwester hat dankenswerterweise eine schicke Espressomaschine aus Yunnan mitgebracht. Und den dazugehörigen Kaffee. Weißt du, dass die Provinz Yunnan ausgezeichneten Kaffee herstellt?«

»Halt einfach mal den Mund«, sagte Xiang Xia und setzte sich an den Küchentisch. »Komm, Phillip, setz dich zu mir.«

»Verträgt er chinesisches Essen?«, fragte ihre Schwester.

»Er sitzt hier neben dir und lebt seit zwei Monaten in China. Du kannst also gerne direkt mit ihm sprechen«, bemerkte Phillip. Schon wieder diese chinesische Unart, von Anwesenden in dritter Person zu sprechen.

»Er hat Humor, das mag ich!«, rief Xiang Mei und fing an, das Essen zuzubereiten. »Hilf mir doch bitte mal beim Schneiden.«

Xiang Xia ging zu ihr an den Küchentresen.

»Cute«, sagte Xiang Mei, blickte sich zu Phillip um und zwinkerte ihm zu. Xiang Xia knuffte ihr mit dem Ellenbogen in die Seite.

»Gibt es was Neues in deinem Fall?« Mit einem lauten Knall ließ sie das Hackmesser mit der flachen Seite auf eine Gurke krachen, schnippelte sie dann in Windeseile in kleine Stücke und nahm sich die nächste. »Machst du den Knoblauch fertig, kleine Schwester?«

»Dein Tipp mit dem Orange Tree war goldrichtig!« Xiang Xia schälte behände eine große Knoblauchzehe und hatte sie innerhalb weniger Sekunden in kleine Stücke geschnitten. An beiden Schwestern waren anscheinend Köchinnen verlorengegangen.

»Ich verstehe immer noch nicht, warum Xiao Fang freiwillig ihren Körper verkauft hat«, sagte Phillip, der etwas verloren am Tisch saß. Er sah sich in der Küche um. Funktionell, ohne Schnickschnack. Herd, Spüle, ein paar Hängeschränke. Ein Tisch mit vier Stühlen. Wer mehr Besuch hatte, ging Essen. Die ganze Wohnung war ein Wunder an Effizienz. Nirgendwo lag Teppich, da ließen sich Kürbiskerne oder anderer Abfall leicht wegkehren, wenn er auf den Boden fiel. Auf einem der Sessel der Kunstledergarnitur im Wohnzimmer spannten sich noch die Reste der Schutzfolie. Das kannte Phillip eher aus Hotelzimmern in der Provinz. Hier amüsierte es ihn besonders. Xiang Mei schien ihre Zeit vor allem außerhalb der Wohnung zu verbringen. Gemütlich war auf jeden Fall anders! Ein Eindruck, der durch die nackten Neonröhren an der Decke und die weißen Fließen auf dem Boden noch verstärkt wurde.

»Ganz ehrlich, ehe ich irgendwo in der Fabrik oder auf dem Feld meinen Buckel krumm mache, würde ich auch in einer Bar arbeiten«, wandte Xiang Mei ein und ließ das Hackmesser auf eine weitere Gurke knallen.

»Beats the hell out of waitressing«, murmelte Phillip.

»Was sagt er?«, fragte Xiang Mei ihre Schwester.

»Ein Woody-Allen-Zitat. Deconstructing Harry«, antwortete Phillip.

»Woody Allen!«, quietschte sie. »Den mag ich, der ist auch mit einer Chinesin zusammen!«

»So ganz unkompliziert ist das auch nicht«, bemerkte Phillip, ging zu den Schwestern hinüber und stibitzte ein Gurkenstück. Xiang Xia deutete einen Messerhieb an. Alle drei lachten.

»Mit einer Chinesin ist es immer kompliziert«, bemerkte Xiang Mei, warf Xiang Xia einen provokativen Blick zu, nahm dann ein Stück Lammfleisch aus der Marinade und fing an, es in kleine Streifen zu schneiden.

»Mit meiner großen Schwester ist es auf jeden Fall äußerst einfach«, gab Xiang Xia zurück. Nun warf Xiang Mei ihr einen bösen Blick zu. Phillip konnte sich das Lachen nicht verkneifen.

Ein paar Minuten später saßen sie am Küchentisch. Es gab mit Knoblauch angemachte Gurken, süß-sauer-scharfes Hühnergeschnetzeltes und Lamm mit Kreuzkümmel. Xiang Xia musste Phillips Lieblingsgerichte per SMS an ihre Schwester geschickt haben. Die hatte sich die Zutaten wahrscheinlich liefern lassen. In der kurzen Zeit hätte Xiang Mei unmöglich all die notwendigen Dinge einkaufen können.

Xiang Xias Mobiltelefon klingelte und sie ging in eines der Zimmer. Schloss die Tür hinter sich. Es schien wichtig zu sein.

»Wenn du zurück nach Deutschland gehst, hast du dann einen guten Job?«, wechselte Xiang Mei das Thema. Nahm ein besonders

zartes Stück Lamm zwischen ihre Stäbchen und legte es Phillip in sein Schälchen.

»Ich werde erst einmal weiter studieren. Warum?«, antwortete Phillip.

»Wie lange studierst du denn noch? Ich dachte, Deutschland sei ein entwickeltes Land!« Xiang Mei fischte sich ein paar Chilischoten aus dem Lamm und steckte sie in den Mund.

»Gerade deswegen studieren die Menschen ja länger. Bei uns ist Bildung eine wichtige Sache.« Phillip erwischte sich dabei, das deutsche Bildungssystem zu verteidigen. In Berlin war er der erste, der sich über schlechte Studienbedingungen, faule Professoren und verschultes Studium aufregte. Seit er in China war, relativierte sich vieles und er hatte das Gefühl, sein Land in Schutz nehmen zu müssen.

»Bei uns auch. Und trotzdem sind die meisten Studenten nach spätestens vier Jahren mit dem Studium fertig. Ich dachte, die Deutschen wären effizient! Wie alt bist du?«

Phillip fragte sich für einen Moment, welche der beiden Schwestern die Kommissarin war. Er wurde auf jeden Fall lieber von Xiang Xia verhört als von Xiang Mei.

»Warum fragst du?«, antwortete er und hoffte, genug Genervtheit in die Stimme zu legen, damit Xiang Mei genug von ihrer Fragerei hatte. Er schabte sich die Reste des Hühnergeschnetzelten mit einem Löffel vom Teller in seine Schüssel. Nahm noch ein wenig Reis und mischte das Ganze. Das genoss Phillip am meisten nach einem chinesischen Essen: die Reste mit ein wenig Reis. Besser ging es nicht!

»Heirate sie und nimm sie mit nach Deutschland«, sagte Xiangs Schwester unvermittelt.

»Was will Xiang Xia denn in Deutschland?«, antwortete er, eine Spur zu heftig. »Was will ich im Augenblick in Deutschland? Mir gefällt es hier in China!«

»China ist nichts für ein nettes Mädchen wie Xiang Xia.« Sie hatte tatsächlich guniang – Mädchen – gesagt. »Meine Schwester ist viel zu aufrichtig und moralisch für eine durch und durch verrottete Gesellschaft wie die chinesische.«

Phillip hörte den Ausdruck »verrottete Gesellschaft« regelmäßig. Von Kommilitonen, Straßenhändlern, vor allem von Taxifahrern. Das, was die Chinesen als verrottet wahrnahmen, war für ihn nicht allzu verschieden zu anderen Ländern. Gut, chinesische Politiker waren korrupt. Waren ihre deutschen Kollegen auch. Es gab in China an jeder Ecke einen Puff. In Berlin konnte Phillip die rosa Neonlichter eines Wohnungsbordells von seinem Balkon aus sehen und ein paar Straßen weiter gab es mehrere schmierige Sexshops und ein paar eher horizontal operierende Massagesalons.

Vielleicht hingen die meisten Chinesen immer noch der alten konfuzianischen Illusion an, dass der Herrscher gut für sein Volk sorgen müsse. Für viele war die KP tatsächlich noch eine moralische Instanz. Umso größer musste die Enttäuschung sein, den lokalen Kader im Bordell zu treffen. Wobei genau darin das Absurde der chinesischen Gesellschaft lag. Die laobaixing – die Hundert Ehrwürdigen Namen, wie die normalen Bürger genannt wurden – wollten ihren Spaß haben. Die chinesische Jugend sowieso. Selbst in den Puff zu gehen war vollkommen normal. Das verbindende Ritual einer Männerrunde. Die Grundlage eines erfolgreichen Geschäftsabschlusses. Aber einen Kader dort zu treffen war ein Symbol für den moralischen Niedergang.

»Ich kann das spüren, ihr gehört zusammen«, unterbrach Xiang Mei Phillips Gedankengang. »Das ist vom Schicksal vorbestimmt!« Sie hatte yuanfen gesagt. Karma. Schicksal. Bestimmung. Was yuanfen war, konnte nicht beeinflusst werden. Yuanfen war die moralische Keule. Das Ende jeder Diskussion.

»Habe ich was verpasst?«, fragte Xiang Xia, als sie zurück in die Küche kam.

»Nein, nichts!«, antworteten die beiden unisono.

»Wer war das am Telefon?«, lenkte Phillip ab.

»Unwichtig.« Xiang Xia nahm ihr Telefon und stellte es aus.


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