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Liebe auf den zweiten BlickWie ein Zufall das Leben für immer verändern und der Liebe einen Weg weisen kann. 1959 hatte ich noch rechtzeitig das Weite gesucht und war aus der DDR über Westberlin „nach Drüben gemacht“. Wegen des übergroßen Nachholbedarfs drängte sich mir ein unstetes Globetrotterleben geradezu zwingend auf. Im Leben eines modernen Nomaden, der in den nächsten Jahrzehnten sein müdes Haupt in mehr als 70 Ländern auf allen 5 Kontinenten bettete, kann leicht ein zufälliger Impuls sein Leben in eine völlig unerwartete Richtung treiben lassen. Mit einer mutigen Reisepartnerin war ich im Campingbus auf dem legendären Landweg nach Indien zu einem abenteuerlichen Trip aufgebrochen. 6 Monate Orient, die an Höhen und Tiefen alles brachten, was selbst die kühnste Fantasie eines Reiseschriftstellers kaum erfinden könnte. Für die bescheidenen Ansprüche „ökonomischer Weltenbummler“ bot unser Gefährt zwar höchsten Wohnkomfort, über dessen Zustand unter der Motorhaube sollte man allerdings besser dezent schweigen. Meine mit einem technischen Geniefaktor-Gen ausgestattete Begleiterin entwickelte sich im Verlaufe des abenteuerlichen Trips notgedrungen zur bewunderten Autoexpertin. In Afghanistan hätte der Manager einer Vertragswerkstatt die fachsimpelnde Ausländerin am liebsten auf der Stelle engagiert und das in einem streng islamischen Land! Den negativen Höhepunkt dieses Himmelfahrtkommandos bescherte Nordindien: Auf dem schmalen Highway, der wegen starken Monsunregens glücklicherweise nicht von sorglosen Einheimischen übervölkert wurde, hörten wir einen verdächtigen Knacks und urplötzlich überholten von einem indischen Fachmann kurz zuvor nachlässig montierte Zwillingsreifen unser schlingerndes Fahrzeug! Es grenzte an ein Wunder, dass der Bus nicht nur nicht umkippte, sondern kaum einen Kratzer abbekam, weil meiner reaktionsschnellen Fahrerin eine sanfte Landung auf dem aufgeweichten Seitenstreifen gelang. Der Mensch versuche die Götter nicht, denn ein weiteres Mal überlebt man ein derartiges Manöver nicht unverletzt. Wir beschlossen: Zurück nach Kabul und das Unglücksauto verkaufen, was in diesen Breiten einigermaßen legal nur dort möglich war… Einige Wochen später verspüren wir in der Saubermann-Musterrepublik Singapur Endstation Sehnsucht Stimmung. Der nicht gerade üppige Erlös unseres Autoverkaufs wurde kurz entschlossen in ein Flugticket nach Bangkok angelegt und nach Zug- und Sammel-Taxifahrten durch Thailand und Malaysia sind wir hier gestrandet. Bescheidener Unterschlupf ist eines der bei sparbewussten Globetrottern sehr beliebten China- Hotels, die nach bewährter Formel geführt werden: Billig, einfach, sicher und sauber. Zudem gibt es beim Begleichen der Rechnung niemals Streit. Kein chinesischer Wirt verlangt wie so häufig im Orient erlitten auch nur einen Deut mehr als ausgemacht war. Das ginge auch gar nicht, weil immer im Voraus bezahlt wird. Kaum ist man sich über den Zimmerpreis einig, macht der Herbergsvater die unmissverständliche Geste des Geldzählens und presst finster hervor: „Money, money, money!“ In dieser schlichten Behausung muss notgedrungen Bilanz gezogen werden. Die schockierende Erkenntnis: - Das erschöpfte Globetrottergespann ist fast pleite!- Wollen wir uns nicht mühsam auf dem Landweg nach Deutschland zurückkämpfen, dann muss die arg geschrumpfte Reisekasse unbedingt aufgefüllt werden. Deshalb bietet sich eine Weiterreise nach Australien zwingend an, wo angeblich jeder der will, auch einen Job finden kann. Da Singapur über einen bedeutenden Hafen verfügt, soll es unbedingt mit dem Schiff weitergehen, was sich wie eine fixe Idee in unseren Köpfen festsetzt. Das Zeitungsstudium offeriert tatsächlich für diese Woche eine optimale Möglichkeit in preisgünstiger Mehrbettkabine auf einem Passagierschiff. Wohlgemut brechen wir auf, um sofort zu buchen und kehren schon bald frustriert ins Hotel zurück: Jeder Platz ist restlos ausverkauft! Im Aufenthaltsraum haben sich Globetrotter aus aller Welt vor der brütenden Hitze geflüchtet und tauschen Erlebnisse und Reisetipps aus. Wir berichten einem deutschen Ehepaar von unserem Malheur. Mitleidig stufen sie uns wohl als Grünschnäbel ein, die nicht auf dem Laufenden sind, wozu der clevere Deutsche beiläufig überlegen anmerkt: „Wer fährt denn heute noch nach Australien, um Geld zu machen? Da läuft kaum noch etwas, aber Japan ist in!“ Seine Frau fügt versuchend wie Sirenengesang hinzu: „ Wir haben dort in einem Jahr 10 000 DM gespart!“ Was für eine verlockende Fata Morgana! Schon am nächsten Morgen nimmt sie reale Konturen an. Ein brandneuer Frachter der „ Polish Ocean Lines“ auf Kurs in die japanische Hafenstadt Kobe bietet zwölf Passagieren zu äußerst günstigen Bedingungen Überfahrt ins Land der aufgehenden Sonne. Die Anker gelichtet nach Japan! Wie wäre wohl mein Leben verlaufen, wenn das Schiff nach Australien noch eine bescheidene Kabine für uns frei gehabt hätte? So aber ließ der anfangs erwähnte unerwartete Impuls mein Schicksal in eine überraschend exotische Richtung treiben. Fühle ich mich doch seit nunmehr rund 4 Jahrzehnten Nippon ähnlich verbunden wie einem zweiten Heimatland. Im Gegensatz zu meiner Reisepartnerin, die schon bald Japan und mir den Rücken kehrte, habe ich bei verschiedenen Aufenthalten insgesamt fünf Jahre lang die vier Hauptinseln des Landes erkundet, später den gesamten deutschsprachigen Raum mit Vorträgen oder Lesungen bereist und zwei Bücher über meine Eindrücke im Land der aufgehenden Sonne veröffentlicht. Anders ausgedrückt: Die Philosophie eines Landes, dessen Probleme mich vorher kaum beschäftigt hatten, wurde nach und nach wesentlicher Bestandteil meines Denkens. Mehr noch, auch die zum Leben „notwendigen Brötchen“ verdiene ich teilweise immer noch mit Arbeiten über das, was ich dort erlebte und erlitt. Dabei war das Endziel nach einer abenteuerlichen Reise mit Hindernissen alles andere als Liebe auf den ersten Blick. Nach der unendlichen Weite in Nahost mit Ländern wie dem atemberaubenden Iran bedrückte mich die Enge auf der Hauptinsel Honshu mit seinen menschenüberfluteten Ballungsräumen zwischen Tokio und Osaka. Mir schien schier der Platz zum freien Atmen zu fehlen. Von anfänglichen Kulturschocks ganz abgesehen: Zünftige Blasmusik spielende Japaner mit Lederhose und Tirolerhütchen im proppenvollen Bierrestaurant Rosenkeller. Auch meine späteren Stammkneipen, wo ich mich von der anstrengenden Tortur als Deutschlehrer für meist nicht unbedingt sprachbegabte Japaner bei einem bayrischen Löwenbräubier erholte, lagen in der gleichen Richtung wie die „neujapanischen“ Namen anschaulich belegen: Mozartstübl und Edelweiß. Allmählich jedoch begann sich der unstete Globetrotter einzugewöhnen und nahm die unvorstellbaren Menschenmassen während der Verkehrstoßzeiten wie eine naturgegebene, gesetzmäßige Selbstverständlichkeit hin. Dafür wurde er zum Fan der frühlingshaften Kirschblüte, des einzigartig gefärbten Herbstlaubes, der Fülle an buddhistischen Tempeln und shintoistischen Schreinen mit ihren einzigartigen Landschaftsgärten, die soviel Wärme und Harmonie ausstrahlen. Diese Aufzählung ließe sich so lang fortsetzen, dass sie ein ganzes Buch füllen könnte. (Siehe Sumo Sushi Dauerlächeln Juli 2008 Conbook-Medien-Verlag) Übrigens meine japanische Ehefrau Naoko, mit der ich bereits seit über 30 Jahren viel mehr Freud als Leid teile, war dagegen Liebe auf den ersten Blick! InformationenDer Autor lebt mit seiner japanischen Ehefrau in Basel und veranstaltet regelmäßig Lesungen und Vorträge im gesamten deutschsprachigen Raum. Begleitet wird er dabei regelmäßig von seiner Frau Naoko Horii, die ihn mit deutschem und japanischem Liedgut begleitet. Weitere Informationen zu den aktuellen Veranstaltungen von Hans-Georg Kaethner finden Sie in der Terminübersicht. |
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