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Die Nabel der Welt

Wenn Nachwuchs ins Haus steht, setzt weltweit der Ausnahmezustand ein. In diesem Punkt sind sich Eltern auf der ganzen Welt, von Ostfriesland bis Niederbayern und von Island zu den Philippinnen, sehr ähnlich.

Interessant ist, wie unterschiedlich die Auswüchse dieser Euphorie sich darstellen. Unsere Autorin Nadine Luck hat einen weltweiten Rundumschlag gemacht und die skurrilen Bräuche, die sich in den verschiedenen Nationen dieser Erde zwischen Zeugung, Geburt und dem ersten Geburtstag eines Babys abspielen, auf höchst amüsante und unterhaltsame Weise zu Papier gebracht.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Unsere Novität »Die Nabel der Welt« nimmt Sie mit auf eine bunte Weltreise, zum Staunen, Schmunzeln und Inspirationen sammeln. Die Autorin hat den Zeitraum des Ausnahmezustands in neun Phasen eingeteilt und präsentiert uns hier eine kleine, persönliche Auswahl der Geschichten aus dem Buch.

Die Zeugung: Vom richtigen Zeitpunkt Kinder zu machen

In hiesigen Breiten sprechen Paare oft davon, dass es keinen richtigen Zeitpunkt fürs Kinderkriegen gibt. Eine unvollendete Ausbildung, ein anstehender Karrieresprung, Reisepläne, Beziehungsprobleme – irgendetwas ist immer.

Auch Heiraten und Kinderkriegen gehören in Europa längst nicht mehr zusammen: In Deutschland wird jedes dritte Kind unehelich geboren, in Schweden jedes zweite. Island ist diesbezüglich Weltmeister: Im Land der Elfen und Feen kommen zwei Drittel aller Kinder außerhalb einer Ehe zur Welt.

Anders in Griechenland: Hier haben nur vier Prozent der frischgebackenen Eltern keinen Trauschein. Noch geordneter sind die Verhältnisse in Japan: Dort wird nur jedes hundertste Kind außerehelich geboren.

Vor allem in islamisch geprägten Ländern gibt es ihn hingegen schon, den einzig richtigen Zeitpunkt zum Kinderkriegen – und zwar nach der Eheschließung. Am besten sehr flott danach, sonst machen sich die Verwandten einen großen Kopf ob des nicht vorhandenen Bauchs der Ehegattin.

Uneheliche Kinder und vorehelicher Sex sind dagegen No-Gos im Islam. Uneheliche Kinder gehen denn auch leer aus, wenn ihr leiblicher Vater stirbt. Im Iran droht einem Paar, das beim vorehelichen Sex erwischt wird, sogar die Todesstrafe.

Doch auch in China, wo Kirche und Staat streng getrennt sind und Religionen keine große Rolle spielen, wünschen sich viele Männer eine Jungfrau zur Braut. Hier, wo falsche Rolex-Uhren und viele andere gefälschte Markenwaren für wenig Geld über den Ladentisch gehen, sind auch Operationen an der Tagesordnung, die gefälschten Jungfrauen ein zweites »Erstes Mal« ermöglichen.

Schwangerschaft: Der Mutterpass ist kein Futterpass

Eine der größten Enttäuschungen für manche werdende Mutter ist der Speiseplan für Schwangere. Der Mutterpass ist nämlich keineswegs ein Futterpass. Die Behauptung, dass Schwangere für zwei essen dürfen, gehört in das Reich der Ammenmärchen.

Um ein gesundes Kind zur Welt zu bringen, brauchen werdende Mütter nur rund 250 Kalorien mehr als vor der Schwangerschaft, und auch das erst ab dem vierten Monat.

Eine gute Nachricht für alle werdenden Mütter Balis jedoch lautet: Die Väter in spe sind dafür zuständig, ihnen während der ersten Schwangerschaftswochen alle Gelüste zu erfüllen. Die Forderungen sind nämlich keineswegs Ausdruck einer plumpen Gier der Frauen, sie gelten als Wünsche der ungeborenen Kinder. Die Mütter dienen lediglich als Sprachrohr.

Weigern sich die Väter, den Bedürfnissen nachzukommen, drohen schlimme Folgen: Die Kinder kommen mit Fehlbildungen auf die Welt, oder sie entwickeln schlechte Charaktereigenschaften. Unter diesen Umständen ist es wirklich verpflichtend, die schwangere Ehefrau einige Wochen lang auf Händen zu tragen. Und selbst, wenn werdende Väter nicht an diese drastischen Spätfolgen glauben, wäre es natürlich nett, der schwangeren Gattin die Wünsche von den Lippen abzulesen. Einer glücklichen Schwangerschaft würde dies in jedem Fall dienen.

In Bulgarien darf die Schwangere keineswegs heimlich essen. Die Schlemmerei käme nämlich in jedem Fall ans Tageslicht: Die heimlich verdrückte Speise würde wieder sichtbar werden, denn das Baby trüge ein Muttermal oder eine Narbe in Form der kleinen Sünde.

Dasselbe passiert, wenn die werdende Mutter stiehlt: Das Baby bekommt an der Körperstelle, welche die diebische Mutter am eigenen Körper nach der Tat als erstes berührt, eine Narbe oder ein Muttermal. Ausgebuffte Betrügerinnen haben allerdings einen Trick und fassen gleich nach der Tat etwa an die Fußsohle – an eine Stelle also, die nicht so leicht von anderen gesehen wird.

Die Geburt: Gut gebrüllt, Löwin!

Die deutsche Hebamme Luise Kaller hat in mehr als 40 Jahren über 10.000 Kinder auf die Welt geholt – und in einem Interview mit der Zeit die Lautstärke von Schwangeren verschiedener Nationalität verglichen. Am meisten überrasche sie, »wie sehr die Klischees sich bestätigen«.

Italienerinnen, sagt sie, würden »sehr ausdrucksstark« leiden. Türkinnen schreien ebenfalls extrem. »Vermutlich, um den Männern zu zeigen, wie sehr sie leiden«, sagt sie. »Ein türkischer Vater hat mir mal gesagt: Je mehr eine türkische Frau schreit, also leidet, desto mehr Gold gibt es später. Ob’s stimmt? Ich weiß es nicht.«

In Blogs und Internetforen bestätigen Frauen dies: Die Verwandten gebärender Türkinnen warten oft vor der Tür auf die Ankunft des neuen Familienmitglieds. Je lauter sie auf dem Flur das Wehklagen der Mutter hören, desto höher fällt später der Geschenkeberg aus. Luise Kaller wunderte sich auch über Russinnen, die erstaunlicherweise oft nach ihrer Mutter rufen: »Mamutschka! Mamutschka!«

Deutsche Frauen seien hingegen auch in der Extremsituation des Gebärens um Selbstdisziplin bemüht. »Die sind am programmatischsten«. Deutsche wagen es jedoch, berichtet eine andere Hebamme im Internet, den Schmerz rauszuschreien, doch nach der Geburt entschuldigen sie sich dafür.

Kontrollverlust fürchten häufig auch US-Amerikanerinnen in einem Land, in dem Kontrolle über alles herrscht. Teilweise ist es daher Trend, den Kaiserschnitt auf Wunsch zu ordern. Als »too posh to push«, zu vornehm zum Pressen, werden jedoch Promifrauen verspottet.

Das Neugeborene: Willkommen, Baby!

Auweia, denken sich Eltern in manchen Kulturkreisen, wenn da ein Mädchen statt des erhofften Jungen das Licht der Welt erblickt. Und solch ein Gedanke ist noch harmlos, verglichen mit dem Schicksal, das manchen Mädchen in patriarchalischen Gesellschaften droht.

Bei den Paschtunen in Afghanistan etwa, bei denen alles, was nicht männlich ist, weniger gilt als Vieh, werden weibliche Babys massenhaft abgetrieben oder nach der Geburt erdrosselt. Entscheiden sich Eltern dafür, das Mädchen doch zu bekommen, erhalten sie bei der Geburt Beileidsbekundungen, während die Geburt eines Jungen den Grund für ein fulminantes Fest liefert.

Ähnliches geschieht im Maghreb: Männer ballern euphorisch mit Gewehren in die Luft und Frauen schreien schrill und laut das Glück hinaus, wenn ein Stammhalter zur Welt kommt. Beim Mädchen? Passiert nichts, Stille.

In Eritrea gibt es zumindest drei Freudenschreie, wenn es ein Mädchen ist. Nach der Geburt eines Jungen allerdings sind sieben »Zungenschläge-Schreie« zu hören.

Bei den Inuit geht die Hebamme auf Nummer sicher, wenn ein Junge geboren wurde. Sie zieht an seinem Penis, damit dieser nicht wieder im Körper des Babys verschwindet.

Das Wochenbett: 40 Tage hinter Schloss und Riegel

Als die britische Herzogin Kate mit ihrem ersten, nur wenige Stunden alten Sohn im Arm vor Fotografen und der Öffentlichkeit posierte, waren die Menschen in den Ländern schockiert, in denen Mütter nach der Entbindung wochenlang das Bett hüten, etwa in China.

Dabei ist es in westlichen Ländern durchaus normal, dass es eine Mutter nach einer leichten Geburt schon sehr früh wieder nach draußen zieht. In vielen anderen Kulturen jedoch gehört es zur Tradition, dass sich frisch entbundene Frauen einige Zeit vollkommen verbarrikadieren und sie ihre Wunden durch die Zeit heilen lassen. Beim vollständigen Rückzug von allen bisherigen Ämtern in Familie, Haushalt und Arbeit spielt die Zahl 40 häufig eine große Rolle.

Die Zahl 40 ist in verschiedenen Religionen prominent vertreten. 40 Tage lang hat es im Alten Testament geregnet, 40 Tage lang ist Moses auf dem Berg Sinai geblieben, um das Gesetz zu empfangen, 40 Tage lang fasten die Katholiken jedes Jahr, nach dem Vorbild des Fastens Jesu in der Wüste. Im Alter von 40 Jahren empfing Mohammed seine Visionen, Muslime trinken bereits 40 Tage vor dem Ramadan keinen Alkohol.

Und so weiter, und so fort: Symbolbeladen ist daher die 40 Tage währende Frist, die eine Mutter im Wochenbett verbringen soll. Warum sich die frisch Entbundene so lange zurückzieht, begründen die Völker auf unterschiedliche Art und Weise.

In Griechenland verkriechen sich Mutter und Kind 40 Tage lang in den eigenen vier Wänden, um dem »bösen Blick« auszuweichen und sich als junge Familie kennenzulernen. Die Verwandtschaft ist in dieser Zeit für die Pflege von Mutter, Kind und Haushalt zuständig. Problematisch wird diese teils sehr streng gehaltene Isolation, wenn verschiedene Kulturen aufeinandertreffen: In Internetforen berichten Griechinnen, die mit Deutschen verheiratet sind, über Interessenskonflikte.

Eine junge Mutter beispielsweise war während der Zeit ihres Wochenbetts auf einer Hochzeit aus dem Familienkreis ihres deutschen Mannes eingeladen. Sie wollte auf keinen Fall hingehen, ihre Tradition verbietet es. Ihre Schwiegermutter hatte hierfür kein Verständnis. Als die junge Griechin nach 40 Tagen als Erstes in die Kirche gegangen ist, wie sie es aus ihrer Kultur kennt, musste sie vermutlich nicht nur um das Wohl ihres Kindes bitten, sondern auch darum, dass der Haussegen nicht weiter schief hängt.

Erste Besuche: Geschenke zur Geburt

Auch das Jesuskind hat Geschenke zur Geburt bekommen. Die Heiligen Drei Könige höchstpersönlich sind weit gereist, immer dem Stern am Himmel hinterher, um ihre Gaben zu bringen: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Gold rangiert auf der Beliebtheitsskala der Geburtsgeschenke auch nach gut 2.000 Jahren ganz oben. In der Türkei ist es üblich, dass Besucher dem Neugeborenen eine Goldmünze mitbringen. Auch in Griechenland schenken Gäste Gold, manchmal legen sie auch Geld ins Bettchen oder in den Kinderwagen. In Trinidad und Tobago geben Besucher dem Neugeborenen die Geldscheine sogar selbst in die Hand, mit den besten Wünschen für ein erfolgreiches Leben.

In Finnland gibt es zwar keinen heiligen König, der die Neugeborenen beschenken könnte – aber sowas ähnliches: Der Staat fühlt sich dort dafür zuständig, der jungen Familie ein Starterkit zukommen zu lassen. Und was für eins: Das Babypaket, das alle Eltern frei Haus bekommen, sofern sie vor dem 4. Schwangerschaftsmonat bei einem Arzt oder einer Klinik vorstellig waren, ist riesengroß.

In der überdimensionierten Pappschachtel stecken unter anderem Kleidung für die ersten Wochen und Monate, vom Body bis zum Schnee-Overall, Bettwäsche, Kosmetik, Spielzeug und sogar eine Matratze in Größe der Pappschachtel.

Dies ist auch der Grund, warum viele finnische Babys zunächst in einem Karton statt in einem Bettchen schlafen: Mit der Matratze im Boden wird die Pappschachtel zur ersten Schlafstätte für das Neugeborene. Auch Kondome sind im Starterkit enthalten, damit das Geschwisterchen erst kommt, wenn das Baby aus dem Gröbsten raus ist.

Dass der Staat die Erstausstattung schenkt, hat in Finnland eine lange Tradition: Seit 1938 gab es die vielen Geschenke zunächst für bedürftige Familien, seit 1949 erhalten alle finnischen Mütter die Kiste. An Stelle des Pakets können sich Eltern auch einen Zuschuss über rund 140 Euro auszahlen lassen, der Wert der Geschenke aber ist um ein Vielfaches höher. Das Paket wird jedes Frühjahr neu zusammengestellt.

Auch der britische Prinz William und seine Kate haben kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes dieses Präsent des finnischen Staates erhalten. Darüber, dass auch in ihrem Karton Kondome enthalten waren, sagte eine Sprecherin der finnischen Botschaft in London: »Ich glaube, damit sollen die werdenden Mütter daran erinnert werden, dass sie nach der Entbindung wieder schwanger werden können.«

Alltag in Babyhausen: Alles für’n Popo

Durchschnittlich 5.000 Wegwerfwindeln trägt ein Baby in Deutschland, bis es selbst auf die Toilette geht. Das entspricht einer knappen Tonne Abfall. Eine Menge Holz! Dabei gibt es viele Kulturen, die auch wunderbar ohne Pampers, Babylove und wie sie alle heißen zurechtkommen.

In China sind häufig spezielle Schlitzhosen zu sehen. Durch ein Loch im Schritt verrichten die Kleinsten ihr Bedürfnis, ohne die Kleidung in großem Maße zu verschmutzen. Wenn die Kinder alt genug sind, setzen sie sich zur Verrichtung ihres Geschäfts auf Boden, Gehweg – oder wo immer sie auch sind.

Kleinkinder genießen im Reich der Mitte Narrenfreiheit, daher nimmt ihnen das meist niemand übel. Auch die Eltern bleiben gelassen: Sie verwischen die Spuren mit einem Besen oder einem Stock, und gut. Manchmal sorgen hungrige Hunde dafür, dass keine Reste mehr zu sehen sind.

Ein ähnliches Konzept verfolgen die sibirischen Tschuktschen. Ihre Babys stecken in Anzügen aus warmem Fell, die am Popo geschlitzt sind. Darunter tragen sie eine Lederwindel. Der Schlitz ist praktisch: Mütter und Väter wechseln darüber die Windel von außen, sie müssen die Babys dabei nicht aus- und wieder anziehen. Gepolstert ist die Lederwindel mit Moos, das die Flüssigkeit aufsaugt.

Ähnlich wickeln die nahe gelegenen Korjaken: Die Anzüge ihrer Kleinsten sind am Rücken mit einer Art Klappe ausgestattet, in welche die Eltern Moos oder Späne als Windel schieben und über die sie Beschmutztes wieder herausholen.

Namensgebung: Von Aage bis Zóphonías

Angela Merkel und Dieter Bohlen hätten ein Problem, würden sie in Island einen Ausweis beantragen wollen – nicht nur wegen ihrer deutschen Nationalität, auch wegen ihres Vornamens. Angela und Dieter sind in Island nämlich nicht zugelassen, auch wenn die Namen in Deutschland alltäglich sind.

Seit 1996 gibt es auf der Insel der Elfen und Trolle ein Gesetz, das in 28 Artikeln in Sachen Namensgebung den Ton angibt. 1853 weibliche und 1712 männliche Namen stehen seither auf einer Liste, die von der isländischen Regierung akzeptiert ist. Sie reicht von Aagot bis Yrsa, von Aage bis Zóphonías.

Wollen die Eltern einen Namen geben, der nicht von der Regierung abgesegnet ist, müssen sie erst die Erlaubnis dafür einholen. Andernfalls kann die Namensgebung ins Auge gehen: Ein Mädchen namens Harriet etwa bekam 2014 seinen Pass nicht verlängert, weil sich sein Name im Isländischen nicht deklinieren lässt.

Harriet hat eine isländische Mutter und einen britischen Vater. Würden beide Eltern aus dem Ausland stammen, wären die Behörden kulanter. Um mit Harriet reisen zu können, mussten die Eltern von der britischen Botschaft einen britischen Pass ausstellen lassen. In isländischen Behörden ist Harriet mit dem Namen Stúlka registriert, was auf Isländisch Mädchen bedeutet.

Doch nicht nur das Deklinieren des Namens ist den Ämtern wichtig – Namen, die von der Regierung toleriert werden, müssen auch isländisch geschrieben werden können, wie etwa Lydía oder Salóme. So sorgen die Beamten dafür, dass auch modernes Isländisches irgendwie nach Wikingern aussieht. Aber ist es das wert, dass Harriet solche Probleme bekommt?

Eine weitere isländische Besonderheit sind Patronyme, »Vatersnamen«. Das bedeutet: Ein isländisches Baby bekommt von den Eltern einen beliebigen Vornamen verpasst, aus oben genannter Liste – sein Nachname aber verweist auf den Vornamen des Vaters, manchmal auch auf den der Mutter. Der Vorname des Vaters beziehungsweise der Mutter wird durch ein -sson bei einem Jungen und einem -sdóttir bei einem Mädchen ergänzt. Fertig ist der neue Familienname.

Beispiel: Björk Gunnarsdóttir ist die Tochter eines Gunnars. Ihr Bruder heißt Dreki Gunnarsson. Früher war das Vaternamensystem auch in anderen Ländern verbreitet, etwa in Schottland mit der Vorsilbe Mac, was für »Sohn von« stand.

Isländer sprechen sich gegenseitig in der Regel mit dem Vornamen an, selbst Regierungschefs lassen sich duzen. Und auch im Telefonbüchern ist niemand per Sie: Darin sind die Inselbewohner schön säuberlich nach Vornamen geordnet.

Premieren im ersten Lebensjahr: Der erste Haarschnitt

Beim ersten Haarschnitt geht es in vielen Kulturen nicht nur darum, die Matte auf dem Kopf zu bändigen und vielleicht sogar in modische Form zu bringen. In manchen Ländern ist er ein spirituelles Ritual, das eine Zukunft ohne Altlasten ermöglicht.

Ungeschoren kommen Kinder in vielen islamisch geprägten Ländern nur kurz davon: Bereits am siebten Lebenstag haben sie ihren ersten Friseurtermin, im Rahmen des sogenannten Aqiqah-Rituals.

Nach dem Kahlschlag des Babyköpfchens wiegt der frisch gebackene Vater das Haar in Silber oder Gold auf; dies spendet er den Armen. Falls er keine Waage zur Hand hat, schätzt er das Gewicht des Haares. Statt Gold und Silber kann er dessen Gegenwert auch in Bargeld bezahlen.

In Malaysia haben Neugeborene ein paar Tage mehr Zeit, bis sie ihr Haar lassen müssen: Erst nach der Zeit im Wochenbett findet die cukur jambul-Zeremonie statt, oft im Hause der Großeltern – meist zwischen dem 40. und 44. Tag nach der Geburt. Verwandte und Freunde kommen häufig auch von weit her, um dabei zu sein.

Der Vormittag dieses speziellen Tages startet mit einer Lesung aus dem Koran und mit gemeinsamen Gebeten. Anschließend tragen Vater oder Mutter das Baby zu Familienmitgliedern, Dorfältesten und religiösen Führern, die jeweils eine Locke abschneiden und danach ein Geschenk überreichen. Wenn sich alle am Haar des Babys ausgetobt haben, trägt dieses entweder noch einige wenige Locken oder gleich eine Glatze.

Während der weiteren Zeremonie werden die Haare in einem Wasserglas aufbewahrt, später am Tag, nachdem die Gesellschaft gut gegessen und gefeiert hat, werden sie in der Erde begraben, oft in der Nähe des Hauses.

Eine solche Prozedur im ersten Lebensjahr ist in anderen Ländern der Welt undenkbar. Auf Sardinien etwa würde ein Haarschnitt während des ersten Lebensjahres Unglück bringen. Und auch auf korrektes Schneiden der Fingernägel achten die Inselbewohner: Maniküre gibt es immer nur freitags, am besten sogar nur durch die Hand des Taufpaten. Dies soll dem Schutz des Kindes dienen.

In den Hochebenen Mittelanatoliens haben Babys indes richtig lange Fingernägel: Diese werden ihnen erst nach Vollendung des ersten Lebensjahres abgeschnitten, ansonsten könnten sie zu Dieben werden.

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Folgende Bücher empfehlen wir als Lektüre

»Die Nabel der Welt« zeigt Ihnen die skurrilsten Babybräuche aus der ganzen Welt – zum Schmunzeln, Staunen und Nachahmen.

Die Nabel der Welt

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