Deike Lautenschläger

Deike Lautenschläger wurde 1977 in Grimma geboren. Sie studierte Medien an der Bauhaus-Universität in Weimar und am Art Institute of Pittsburgh und war danach fünf Jahre als TV-Journalistin in Leipzig für öffentlich-rechtliche und private Sender tätig. Anfang 2005 ging sie nach Taiwan, mit der Absicht, für ein Jahr Chinesisch zu lernen, blieb dann aber für ein Masterstudium der Internationalen Kommunikation mit Schwerpunkt Asien an der National Chengchi University. Nach mehr als zwölf Jahren in Asien, u. a. als Praktikantin in Singapur und Hongkong und als Deutschlehrkraft am Goethe-Institut in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi, ist Taiwan ihre Wahlheimat geworden. Jetzt lebt sie als freie Autorin und Deutschlehrerin in Taipeh, wo sie noch heute bei schweren Entscheidungen die Götter im Tempel nebenan um Rat fragt und sich in jeder freien Minute vom Meer den Sand zwischen die Zehen spülen lässt. PhD in Asia-Pacific Studies am College of Social Sciences an der National Chengchi University. 

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Bei CONBOOK erschienen

Interview

Vollständiger Name: Deike Lautenschläger

Geboren: 16.08.1977

Warum sind Sie Autor/in geworden?

Ibn Battuta schrieb: »Reisen – es lässt dich sprachlos, dann verwandelt es dich in einen Geschichtenerzähler.« Ganz so geht es mir. Ich habe mir schon immer gern Geschichten ausgedacht. Das Reisen hat mir dann immer mehr Stoff dazu geliefert, der sich besonders auf Bus- oder Metrofahrten beim Blick aus dem Fenster zu Geschichten verdichtet. Außerdem ist die deutsche Sprache im Ausland eine Art Heimat geworden, in die ich von überall mit nur einem Stift und etwas Papier zurückkehren kann.

Was empfinden Sie an Reisen als lohnenswert?

Lohnenswert finde ich Reisen besonders dann, wenn ich die Möglichkeit habe, etwas länger an einem Ort zu verweilen und in den Alltag eintauchen zu können. Ich bin ungern auf der Durchreise oder auf einem Backpackertrip. Die Leute und das Leben an anderen Orten richtig kennenzulernen, Bekanntschaften zu schließen, Hintergründe zu verstehen, meinen eigenen Alltag mit dem ihren zu verweben, das alles macht für mich das wahre Reisen aus.

Welcher ist für Sie der schönste Platz der Welt?

Wai-Ao, ein kleiner Ort an der Ostküste Taiwans mit einem unbeschreiblich schönen Strand und dahinter hohen grünen Bergen – alles oft in Dunst eingehüllt. Die Straße am Strand säumen kleine Surfläden, Gemüsegärten und Tempel. Am Horizont im Meer kann man die Guishan Dao, wortwörtlich die Schildkrötenberginsel, erkennen – die Spitze des einzigen aktiven Vulkans in Taiwan.

An welcher Expedition hätten Sie gerne teilgenommen oder würden Sie gerne teilnehmen?

Zum Entdecken muss man keine großen Expeditionen starten, das spannende Neue befindet sich oft gleich um die Ecke.

Welches kulturelle Missverständnis nagt immer noch an Ihnen?

Weniger ein kulturelles Missverständnis, mehr eine kleine kulturelle Barriere, die ich einfach nicht überwinden kann. Noch immer stehe ich in Taiwan an Nachtmarktständen in der Menschenmenge und warte minutenlang vergeblich darauf, an die Reihe zu kommen, d. h. meine Bestellung lauthals nach vorn dem Verkäufer zuzurufen. Hier gibt es keine Warteschlange – man kommt, ruft und kauft. Ich warte – auf einen gute Moment, darauf, dass der Verkäufer mich auffordernd ansieht, dass er vielleicht gar fragt: »Ja, bitte?«, dass ich vielleicht vom Gedränge irgendwann vorn vor seine Nase an den Ladentisch gedrückt werde. Das passiert natürlich nicht. Und so warte ich, bis entweder ein anderer Kunde für mich das Wort ergreift oder ich tatsächlich meinen Mut zusammennehme und darauf vertraue, dass ich den richtigen Moment mit der richtigen Lautstärke, den richtigen chinesischen Tönen und dem richtigen Nachdruck in der Stimme treffe und erfolgreich meine Bestellung aufgebe.

Haben Sie eine Erkenntnis, die Sie loswerden möchten?

Auf Reisen sucht man nach Exotik, nach Andersartigkeit, nach dem Ungewöhnlichen. Ohne das wäre das Reisen langweilig. Will man aber länger irgendwo bleiben, muss zur Exotik auch ein Umfeld hinzukommen, in dem man gut leben kann.

Allen, die für längere Zeit in einer fremden Kultur leben wollen, empfehle ich, sich ein schönes Plätzchen zum Wohnen zu suchen. Machen Sie es sich gemütlich. Wenn Ihnen die kulturellen Missverständnisse mal über den Kopf wachsen sollten, Sie im Fettnäpfchenfett nur so schwimmen und im Erdboden versinken möchten, ist es wichtig, sich in seine ruhigen vier Wände, in seine eigene kleine Welt zurückziehen zu können. Gönnen Sie sich Pausen. Spätestens am übernächsten Tag lockt die fremde schöne Welt da draußen schon wieder mit all ihren Abenteuern, die erlebt werden wollen.

Wohin geht Ihre Reise in der Zukunft?

»Touristen«, so schrieb Paul Theroux, »wissen nicht, wo sie gewesen sind, Reisende wissen nicht, wohin sie fahren.« Erst mal ist Taiwan ein stiller Hafen geworden, aber auch ein guter Ausgangspunkt, um Asien jederzeit weiterzuerkunden.

 

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© istockphoto.com/Alan Tobey

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