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Paper Trails – Auf den Spuren des Reisetagebuchs

»Die Wellenbrecher«-Autor Christopher David über das Tagebuchschreiben, seine Bessessenheit für Papierkram und darüber, warum Aufzeichnungen auf Reisen helfen können, innere Konflikte zu lösen.

Ich war von klein auf ein Freak, wenn es um Papier ging. Anfangs habe ich auf alles gezeichnet und geschrieben, was mir zwischen die Finger kam: Servietten, Bierdeckel, Zigarettenschachteln, Blackbooks – you name it.

Irgendwann war mir das nicht mehr gut genug. Ich wurde zum Snob.

Ich fing an, Briefe einzig auf handgeschöpftem Papier zu schreiben und Skizzen nur noch in ganz bestimmten Blackbooks zu erstellen. Meine Materialauswahl war bei Weitem nicht immer stilsicher. Auch transparentes Papier mit silberfarbenen Sprenkeln und Blätter die nach Banane riechen, wenn man daran rubbelt, waren dabei. In dieser Phase beinhaltete auch meine Kleiderkiste rote Cordhosen und einen alten Tropenhelm, den ich »irgendwie Hip Hop« fand. Es war eine Zeit, aus der nur wenige Fotos überliefert sind.

»Ich war von klein auf ein Freak, wenn es um Papier ging.«

Als ich einige Jahre später zu einer lang ersehnten Weltreise aufbrach, war eines klar: Bevor ich irgendetwas einpacke, decke ich mich zuerst einmal mit Notizbüchern ein!

Kein Wunder also, dass auch Mark, der Protagonist meines Buchs »Die Wellenbrecher« schon ein Notizbuch an die Hand bekommen hat, bevor ich überhaupt wusste, wie die Geschichte eigentlich heißen soll.

Weil Begeisterung sich bekanntlich vermehrt, wenn man sie teilt, möchte ich hier vier Gründe aufführen, die meine Besessenheit für Papierkram und Reisetagebücher erklären könnten.

Das Reisetagebuch als innere Straßenkarte

Wer zu einer Weltreise aufbricht, tut das meist mit einer Fragestellung im Gepäck. Er möchte Sinn finden, ein besserer Mensch werden oder innere Konflikte überwinden.

Doch die Erkenntnis wartet selten mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand. Meist ähnelt die Selbstsuche vielmehr einer Schnitzeljagd durch die Berge und Täler der eigenen Seele. Ab und zu findet man dabei kleine Erkenntnisschnipsel.

Im Reisetagebuch lässt sich jeder dieser Erkenntnisschnipsel festhalten.

In »Die Wellenbrecher« stellt sich Mark eine wichtige Frage: Woran erkenne ich, ob ich mich überhaupt entwickelt habe?

Häufig sind die Entwicklungen nicht so offensichtlich, wie man sie gerne hätte. Wer zum Beispiel gelassener werden will, der wird an jedem Tag, an dem er sicher wieder einmal stresst, meinen, er hätte sich überhaupt nicht verändert.

Wenn er aber im Reisetagebuch zurückblättert und sieht, wo und wann er zuletzt gelassen war, passiert etwas: Der Traveler erkennt, wie weit er schon gekommen ist und er versteht, welche Orte und Menschen dazu beigetragen haben.

Damit sind die Aufzeichnungen im Tagebuch wie Markierungen am Wegrand der inneren Reise.

Das Reisetagebuch als Leinwand

Bei großen Expeditionen waren früher immer Zeichner mit an Bord. Sie hatten die Aufgabe, die exotischen Dinge aufzuzeichnen, denen sie auf ihren Abenteuern begegneten. Dank ihnen gelangten die ersten Bilder von fernen Inseln, indigenen Stämmen oder polynesischen Tätowierungen nach Europa.

Über die Zeit haben sich dabei verschiedenste Stile entwickelt. Manche Traveler zeichnen fotorealistisch. Anderen geht es dagegen um den persönlichen Ausdruck. Sie wollen nicht zeigen, wie die Dinge objektiv aussehen, sondern wie sie sich subjektiv anfühlen.

Doch egal ob man nun zeichnerisch begabt ist oder nicht – jeder ist in der Lage, sich kreativ auszudrücken. So können Reisetagebücher zum Beispiel zu einem Sammelsurium aus Flyern, Fotos, Eintrittskarten und Kritzeleien werden. Zu Inspiration halten Instagram und Pinterest seitenweise Material bereit (#travelsketches, #traveljournal).

Das Reisetagebuch als Muckibude für den Kopf

In der Geschichte »Die Wellenbrecher« nutzt Mark das Reisetagebuch, um seine Wahrnehmung und seine textlichen Fertigkeiten zu trainieren. Mit jedem Tag, den er das Buch aufschlägt und schreibt, wird er besser. Er lernt, genauer zu beobachten und diese Beobachtungen in Worte zu fassen. So verwandelt er sich langsam aber sicher vom Hobby-Texter zum gefragten Reise-Blogger.

Mark ist damit kein Einzelfall. Viele Traveler versuchen sich unterwegs neue Dinge beizubringen. Auf meinem letzten Südamerika-Trip lernte ich einen Mitreisenden kennen, der endlich Gitarre lernen wollte. Von jedem Gitarristen, den er auf seiner Reise traf, ließ er sich einen neuen Akkord zeigen. Die Namen der Akkorde hat er immer sofort in seinem Tagebuch notiert und dazu die Fingerhaltung gezeichnet. Nach einigen Monaten war er zwar noch kein John Mayer, aber für ein schwungvolles »Kumbaya« am Lagefeuer reichte es allemal.

Das Poesiealbum für Nomaden

Kommen wir zum Abschluss zu einer besonderen Kategorie des Tagebuchs: dem Gästebuch. Allzu oft ist diese weltoffene Gattung zu einem staubigen Dasein am Eingang von Hotels und Restaurants verdammt. Seufzend nimmt es dort Einträge auf wie: »War mal wieder lecker. Manfred, 2019.«  

Wie uninspiriert. Wie nichtssagend. Wie wertlos. 

Wo bleibt da die Poesie? 

Ich sage: »Befreit das Gästebuch!« 

Also rein damit in den Rucksack und raus in die Welt. Mein brandneues Nomaden-Buch halte ich fortan jedem Menschen unter die Nase, der mir auf Reisen begegnet und sage: »Erzähl mir etwas über dich, das ich noch nicht weiß!«

Am Ende ist es doch nur ein Buch mit weißen Seiten. Es kann eine zusammengeheftete Sammlung loser Blätter sein oder ein gebundenes Werk.

Zum Reisetagebuch wird es erst, indem du es dazu machst. 


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Der Autor

Christopher David

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