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(Fast) alleine in Nagoro – das Dorf der Puppen in Japan

In Westjapan in der Präfektur Tokushima liegt das Dorf Nagoro, in dem mehr Puppen als Menschen wohnen. Nagoro ist heute weltbekannt – auch wegen Fritz Schumann, Autor des Bildband Japan 151.

 

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Das Iya-Tal ist ein Stück altes Japan. Im östlichen Teil leben nur noch 1.228 Menschen zwischen gewaltigen Schluchten und alten Seilbrücken. Bis in die 1960er-Jahre hatten die Häuser hier keinen Strom, und auch heute gilt das Tal als abgeschieden. Der US-amerikanische Autor Alex Kerr, der hier ein altes Landhaus besitzt, nennt es das »verlorene Japan«.

Puppen gegen die Einsamkeit

Hier suchte ich Ayano Tsukimi. Ich hatte Gerüchte gehört, dass Ayano menschengroße Puppen herstellte, die an die ehemaligen Bewohner im Dorf erinnern sollten. Ohne eine Karte, die mir jemand in der Touristen-Information gemalt hatte, hätte ich ihr Dorf Nagoro nie gefunden, sagt er mir. Und je näher das Auto dem Ort kam, desto mehr Puppen tauchten links und rechts im Scheinwerferlicht auf. Sie wirkten gespenstisch real. Das Haus im Dorf mit den meisten Puppen musste ihres sein.

Als ich Ayano Tsukimi traf, sprach sie gerade mit zwei Besuchern, die eigentlich wegen der Laubfärbung durch das Tal fuhren, nun aber wegen der Puppen anhielten. Auch mir erklärt sie, wie sich das alles entwickelte.

Sie war noch ein Kind, als der Staudamm in Nagoro gebaut wurde. Damals zogen viele Menschen in das Dorf. Als der Damm fertig war, verschwanden sie wieder. Jahrzehnte später, 2002, kam Ayano wieder zurück, um ihren kranken Vater zu pflegen. Ein Jahr später schon hatte sie die ersten Puppen aufgestellt. Zunächst sollten es Vogelscheuchen für ihre Felder sein, dann wurde es ein Hobby.

»Es gibt hier nicht viel zu tun«, sagte sie. Sie machte die Puppen aus Wolle, Holz, gerollten Zeitungen, alter Kleidung. Alles Spenden oder Geschenke. Heute leben noch 34 Menschen in Nagoro – und mehr als 350 Puppen. Sie erinnern an die, die starben oder fortgezogen sind – teilweise sind es ganz neue Kreationen.

Alle wurden von Ayano Tsukimi selbst hergestellt, um das Dorf wiederzubeleben. Im ganzen Tal waren sie verteilt, menschengroß und in Aktion: Der Angler am Fluss, die Großmütter am Zaun oder der Jäger im Baum. »Die Puppen sind wie meine Kinder«, sagte Ayano.

Vom Aussterben bedroht

Isoliert fühlte sie sich hier im Tal nicht. Sie konnte noch Auto fahren. Bis nach Osaka, wo sie früher lebte und nun ihre Tochter wohnte, dauert es fünf bis sechs Stunden. In der Stadt fühlte sie sich beengt. Jeder Tag dort kostete Geld. Hier kostete das Leben nichts. Sie pflanzte Kartoffeln an, Buchweizen und Gemüse. Das Leben in dem Haus ihrer Familie war frei. Wenn sie sterben würde, würde keiner mehr die Puppen pflegen. Aber das wäre für sie in Ordnung, sagte sie entspannt.

Nagoro ist eine von 10.000 Siedlungen in ganz Japan, die vom Aussterben bedroht sind, weil die Menschen in die Städte ziehen. Ein Viertel aller Menschen in Japan ist mehr als 65 Jahre alt. Da die Geburten rückläufig sind, werden es in naher Zukunft bis zu 50 % der Bevölkerung sein. Es ist wahrscheinlich, dass bis 2060 die Einwohnerzahl von Japan um 42 Millionen schrumpfen wird – und die meisten von ihnen werden in den Städten leben.

Ayano Tsukimi wollte mir die Schule zeigen, am anderen Ufer. Es gab keine Kinder mehr in Nagoro, also war sie seit Jahren geschlossen. Sie zeigte mir ein paar Räume und ließ mich dann alleine mit fast hundert Puppen von Kindern, Lehrern, Rektoren, Eltern. Sie füllten ganze Räume und waren im Moment gefangen. Einige Kinderpuppen schrieben einen Test, nebenan war Elternabend. Zweimal glaubte ich fest, dass mich jemand beobachtete. Dabei war es nur eine Puppe. Es war beide Male die gleiche Puppe – ein Kind auf der Treppe, das sich am Geländer festhielt. Über die Angst, die einige im Tal mit den Puppen verbanden, konnte Ayano Tsukimi nur lachen. »Die sind doch süß, die Puppen!«

Ein Video geht viral

Die Gespräche mit Ayano Tsukimi und meine Eindrücke in Nagoro hielt ich im Herbst 2013 mit der Kamera fest. Im Frühjahr 2014 bot ich die Geschichte allen großen Redaktionen in Deutschland an – doch keiner wollte sie. Also machte ich das Nächstbeste: Obwohl alle Journalistenschulen und Kollegen davon abraten, stellte ich die Geschichte frei online.

»Im Tal der Puppen« ging auf Deutsch am 23. April 2014 online. Zeitgleich veröffentlichte ich die englische Variante als »Valley of Dolls.« (Ich habe zu dem Zeitpunkt nicht gewusst, dass ein Sexploitation-Film aus den 1960er-Jahren mit dem gleichen Titel existiert. Es gab zwar keinen Rechtsstreit, aber komische Google-Ergebnisse.)

Drei Tage nach dem Upload stand die englische Version schon bei 10.000 Klicks. Ich hatte den Link zum Video bei einigen sozialen Plattformen gestreut und hoffte, dass irgendetwas durchdringt. Und das Video ging viral!

Es wurde zum Video des Tages bei Vimeo und zwei Wochen danach waren es schon 150.000 Views. Jetzt bekam ich die ersten Anfragen von internationalen Medien, die meisten aus dem angelsächsischen Raum. Mir schrieb auch eine ungarische Drehbuchautorin, die auf Basis meiner Geschichte gerne einen Kurzfilm machen wollte. Von Bloomberg Media gab es nun auch schon die erste Kopie, die mein Video und teilweise ganze Einstellungen kopierte. Es folgten weitere Nachahmer in Form von Fernsehsendern, Nachrichtenagenturen oder freien KollegInnen. Ich war jedoch der erste. Alle Plattformen zusammen ergeben heute mehr als eine Million Views für das Video.

»Hey, du bist doch der mit den Puppen!«

Einen Monat nach der Veröffentlichung bekam ich eine Anfrage vom japanischen Fernsehen und gab ein Interview mit Asahi TV. Zwei weitere Auftritte folgten. Denn: Ausländische Touristen begannen sich wegen meines Videos mehr für das Iya-Tal und die Puppen zu interessieren. Die örtliche Behörde sah einen Sprung in westlichen Besuchern, den sie sich zunächst nicht erklären konnten. Wie später auch JNTO, die japanischen Fremdenverkehrszentrale, bestätigte, hatten mein Video und die folgenden Medienberichte einen großen Anteil daran. JNTO sprach in einem Beitrag über das Iya-Tal von dem Video eines »deutschen Studenten«, mit dem das Interesse begann.

Ein Redakteur, der mich interviewte, berichtete mir, dass die Taxifahrer im Tal mir besonders dankbar sind – für den erhöhten Umsatz. Es gibt in Japan drei Zeitungen, die im ganzen Land erscheinen. Das ist die Yomiuri, die Mainichi und die Asahi. Alle drei hatten mich ebenfalls interviewt. In Deutschland gewann ich später noch einen Preis für die Geschichte, und fast alle Redaktionen, die sie vorher ablehnten, brachten sie dann doch. Sogar bis in die digitale Ausgabe von National Geographic schaffte ich es mit dieser Arbeit.

Bis heute erhalte ich Anfragen zu meiner Geschichte. Zuletzt war sie im Januar 2020 auf dem japanischen Fernsehsender NHK zu sehen: Zum Ende der Ära heisei, die bis zur Thronbesteigung des neuen Kaisers dauerte, machte der Sender ein Sonderprogramm mit dem Thema »Wie haben Ausländer in 30 Jahren heisei Japan geprägt?« Mein Film, und den Effekt auf das Iya-Tal, waren Teil vom Programm.

Auch in Deutschland begegnete mir Nagoro häufig. Bei Workshops, Seminaren oder Treffen mit Kollegen brauchte ich oft nur wenige Sachen zu erzählen, bis sie auf mich zeigten und sagten: »Hey, du bist doch der mit den Puppen!«

Es geht um mehr

Dieses regelmäßige, internationale Interesse ist außergewöhnlich. Aber es geht in Nagoro um mehr als nur Puppen. Es geht um Tod, Einsamkeit und wie man damit umgehen kann. Eine Frau in Japan kapituliert nicht vor der Leere in ihrem Dorf, sondern sie schafft etwas dagegen.

Von ihr selbst gibt es auch eine Puppe. Sie hält immer ein Nickerchen, die Augen geschlossen und die Arme ruhig auf ihrem Schoß. Auf die Frage, ob ihre Puppe wohl Ayano-san überdauern wird, lacht sie nur und sagt: »Vielleicht werde ich ja ewig leben.«

Die Legende ihrer Puppen wird es bestimmt.

 

(Alle gezeigten Bilder stammen von Fritz Schumann.)

 

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Hier geht es zu Fritz Schumanns Kulturführer Japan 151 – Ein Land zwischen Comic und Kaiserreich in 151 Momentaufnahmen.


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Der Autor

Fritz Schumann

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