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Kawaii Mania

Sieben Lektionen in Niedlichkeit: Musik

Andreas Neuenkirchen beschäftigt sich in Kawaii Mania damit, warum in Japan alles kawaii, also süß, sein muss. Dafür betrachtet er die verschiedensten Formen des Lifestyle-Trends – für die CONBOOK Stories hat er aufgeschrieben, wie niedlich eigentlich japanische Popmusik ist.

Kawaii ist das japanische Wort für niedlich, gleichzeitig heißt es so vieles mehr. Kawaii ist ein Widerspruch. Einerseits meint es explizit eine individuelle Vorstellung von Niedlichkeit: Mein kawaii muss nicht dein kawaii sein.

Andererseits ist kawaii, im Gegensatz zu klassischer Schönheit, ausdrücklich massenproduzierbar, die Produkte der Kawaii-Industrie sind somit massentauglich. Wo lässt sich das Spannungsfeld zwischen Massenproduktion und individuellem Ausdruck besser bestaunen als in der Popmusik?

Hier sind sieben musikalische Kawaii-Perlen vom schlüpfrigen 80er-Jahre-Klassiker bis zum aktuellen Insider-Kuriosum, von Underground bis Super-Hit, von wohltemperierter Zimmerlautstärke bis Baustellenlärm. Alle Interpreten treten ganz zufällig auch in meinem Buch Kawaii Mania auf.

Gäbe es das Wort kawaii nicht, müsste man es für Kyary Pamyu Pamyu erfinden. Sie verkörpert den Begriff mit Liebe und Kalkül wie keine zweite. Kyary ist eine phonetische japanische Annäherung an Carrie. Diesen Spitznamen bekam sie in der Schule verpasst, weil sie als »so seltsam wie eine Ausländerin« galt.

Echte Ausländer hingegen finden sie eher seltsam japanisch. Ihr voller Name wäre an dieser Stelle zu lang, er steht im Buch. Kyary Pamyu Pamyu begann als Fashion-Bloggerin. Heute ist sie Sängerin, Model und Wimperndesignerin. Sie hat also alles erreicht, was man im Leben erreichen kann.

Sagt mal, von wo kommt ihr denn her? Aus Akihabara, bitte sehr! Man kann nicht über kawaii und Popmusik sprechen, ohne AKB48 zu erwähnen, die geprüft vollste Mädchenband der Welt mit über 120 Mitgliedern.

Ihr Lied vom Glückskeks der Liebe soll einem Mut und Lebensfreude schenken, wenn einem mal gerade nicht danach ist. Das ist auch die Botschaft von Pump up Japan des Duos Deadlift Lolita. Obwohl für japanische Verhältnisse stark unterbesetzt, würden sie aus einem Band-Battle mit Körperkontakt wahrscheinlich als Sieger hervorgehen. Beide Mitglieder sind professionelle Ringer, er darüber hinaus leidenschaftlicher Travestiekünstler, sie Body-Building-Model.

Deadlift Lolita spielen, wie unschwer zu erkennen, Kawaiicore. Das wird auch Babymetal nachgesagt, obwohl ich bei ihnen eher von Kawaiimetal sprechen würde. Bisweilen singen sie durchaus über ernste Themen, aber weil es hier um Süßes gehen soll, spielen wir ihren Hit Gimme Chocolate. Man achte auf die musikalische und mimische Umsetzung: Diese Mädchen wollen WIRKLICH Schokolade – kein Witz!

Hatsune Miku gibt’s ja gar nicht. Trotzdem kursieren abertausende Songs und Videos von ihr im Netz und anderswo. Sie ist die virtuelle Personifizierung eines Stimm-Synthesizers von Yamaha und tritt dank Hologramtechnologie sogar live auf. Ihr Name bedeutet »der erste Klang der Zukunft«, dabei ist das Konzept allenfalls in der Wahl der technischen Mittel moderner als, sagen wir mal, Vadder Abraham und seine Schlümpfe.

Zur Beruhigung etwas Die Milch. Dies ist nicht das dynamischste Video der sympathischen Gothic-Lolita-Formation, aber ich konnte dem charmanten Intro nicht widerstehen. Außerdem ist es nie zu spät oder zu früh, um ein bisschen Weihnachten zu feiern.

Wer bis hierhin durchgehalten hat, der schafft auch noch den Klassiker Onyanko Club. Das heißt auf Deutsch so viel wie Kätzchenclub. Kein Wunder, dass da viel miaut wurde. Das wiederum ist in der klassischen japanischen Jugendsprache Slang für Geschlechtsverkehr.

Onyanko Club war die geistige Vorgängerorganisation von AKB48, ebenfalls miterfunden vom Produzenten und Texter Yasushi Akimoto, der später eines der Kätzchen heiratete. Die Band stolperte ihrerzeit über etliche Skandale, unter anderem wegen heimlicher Liebschaften und öffentlichen Rauchens. Hier sehen wir sie in unschuldigeren Tagen mit einem ihrer größten Hits: Zwing mich nicht, meinen Matrosenanzug auszuziehen.

Noch nicht süß genug? Kawaii Mania – ab sofort überall erhältlich, wo es Bücher gibt.


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Der Autor

Andreas Neuenkirchen

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