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Zwei Autor*innen, zwei Gefühlslagen und ein mexikanisches Bier

Als Monika Sandmann und Dirk Udelhoven mit der Arbeit an ihrem Fettnäpfchenführer Köln begannen, war die Welt noch eine andere – und Corona war vor allem als mexikanisches Bier bekannt. Für unsere CONBOOK Stories hat das Autorenpaar aufgeschrieben, wie COVID-19 ihren Schreibprozess beeinflusst hat und warum sie ihre Protagonistin bewusst in vollgestopfte Brauhäuser und überfüllte Fußgängerzonen versetzt haben.

Zu zweit ein Buch zu schreiben ist schön, aber auch schwierig. Selbst nach so vielen Jahren, die wir bereits gemeinsam arbeiten. Am Anfang läuft alles wie geschmiert. Das Thema ist mega. In Köln lauert quasi an jeder Ecke ein Fettnäpfchen. Die Protagonisten unseres Buches weisen gewisse Züge von uns auf. Der Kölner, dem das kölsche »Jeföhl« mit der DNA implantiert ist, und die Immi, die lernen musste, halbwegs unbeschadet durch Kölner Fettnäpfe zu balancieren.

Also warfen wir unsere Heldin Ulla mitten ins pralle Leben von Köln. Und zwar direkt auf den Ebertplatz, dem landesweiten Synonym für »Angstraum«. Hier herrscht den Medien zufolge Mord, Totschlag und Verbrechen. Wir wohnen ganz in der Nähe und haben den Wandel des Platzes in den letzten Jahren hautnah miterlebt: vom Angstraum zur Freizeitoase. Bei schönem Wetter ist es der Ort oft übervoll. Jung und alt, arm und reich, mit und ohne Migrationshintergrund tummelt sich hier.


Als wir anfingen, das Buch zu schreiben, war es Winter und Corona noch ein mexikanisches Bier. In China schwappten Nachrichten über ein neues Virus herüber. In Wuhan steckten sich immer mehr Menschen damit an. Viele starben. Die Behandlungskapazitäten reichten nicht mehr aus. In Windeseile wurden Krankenhäuser hochgezogen. Doch das reichte nicht. Die Behörden riegelten ganze Viertel ab. Leere Straßen. Geschlossene Geschäfte, die Menschen vegetierten in ihren Wohnungen. Was für eine Horrorvorstellung. Die armen Leute, dachten wir. Dass uns dieses Virus über kurz oder lang auch erreichen sollte, ahnten wir noch nicht.

Wir ließen Ulla und Stefan an einem Samstag durch die volle Kölner Fußgängerzone laufen. Das muss man mögen: In der engen Hohen Straße geht es in Nicht-Corona-Zeiten im Gänsemarsch voran. Menschenmassen, von woher auch immer, schlendern und drängeln durch die Einkaufsstraße. Diese zu queren geht nur im Zickzack-Modus und mit viel Geduld. Wir selbst warten da lieber bis zum Montag, aber nicht unsere Protagonistin Ulla. Unser »Landei« liebt den Großstadtdschungel und schlägt sich mit Lust da durch. Warum auch nicht. Das Virus grassierte woanders. Corona war noch ein mexikanisches, schmackhaftes Bier, das wir durchaus trinken, falls es kein Kölsch geben sollte. Was aber in Köln und Umgebung praktisch unmöglich ist. Selbst in Bayern bekamen wir in der gut sortierten Gastronomie Kölsch.

Unser Ebertplatz verwaiste

Das Virus erreichte Bayern. Es gab erste Infizierte, lokal begrenzt, wie es hieß. Noch verdrängten wir die Gefahr. Doch sie rückte unaufhaltsam näher – und kam auch nach Köln. Immer mehr Menschen steckten (und stecken) sich an. Ignorieren – unmöglich. Corona war kein mexikanisches Bier mehr. Seit diesem Frühjahr wird es auch nicht mehr in Mexiko, sondern in Belgien gebraut. Corona ist jetzt ein Virus, das sich überall auf der Welt rasend schnell ausbreitet.

Gleichzeitig schrieben wir ein Buch über unsere Stadt, die man nicht von ungefähr die »nördlichste Stadt Italien« nennt. Kölner*innen lieben es, in Gesellschaft zu sein, zu quatschen und zu tratschen und anderen nahe zu kommen. Das ging nicht mehr, ist Vergangenheit. Unser Ebertplatz verwaiste. Der Brunnen sprudelte noch tapfer weiter, doch selbst die Drogendealer wichen auf andere Örtlichkeiten aus. Nur ein paar traurige Klebebandreste auf dem Boden blieben und zeugen von engagierten Versuchen, das kulturelle Leben aufrecht zu halten.


Eine düstere Ahnung machte sich in uns breit: Würde unser Buch bereits vor seinem Erscheinen eine Reminiszenz an eine andere, lebendige Zeit werden? Nein! riefen wir entschlossen, als könnten wir damit das Virus verjagen. Aber wir wussten auch, Corona wird unsere Stadt verändern, so wie es alles ändert, doch das typisch Kölsche bleibt bestehen. Genauso wie die Fettnäpfchen und die Situationen, in denen man sich hier so leicht blamieren kann.

Also schickten wir Ulla in ein rappelvolles Kölner Brauhaus. In der Realität schlossen die Brauhäuser – und nicht nur die. Unser reales Leben fror ein, das fiktive von Ulla wurde turbulenter. Die fünfte Jahreszeit stand an. Der 11.11. nahte. Mehr Mensch auf einem Fleck gibt es nur noch in der heißen Karnevalsphase. Von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch.

»Was wir jetzt schrieben, schien aus einer anderen Welt zu stammen«

Unsere Zweifel meldeten sich nun sehr energisch. Wir fühlten uns wie Schizophrene. Zweigeteilt. Was wir jetzt schrieben, schien aus einer anderen Welt zu stammen. Unsere Realität hieß und wird noch eine ganze Weile AHA heißen. Abstand halten, Hände waschen, Atemschutzmaske tragen. Mussten wir Ullas Geschichte nicht doch umschreiben und anpassen – an ein Virus, das unser Leben fortan bestimmt? Oder vertrauten wir weiter darauf, dass aus einem Virus wieder ein Bier werden kann? Wir sind Kölner und Immi. Wir haben ein Kölsches Grundgesetz: Et hätt noch emmer joot jejange!

In der Realität ist es kurz vor dem Elften im Elften, also kurz vor Beginn der fünften Jahreszeit. Oberbürgermeisterin Henriette Reker trifft eine Entscheidung, die vor einem Jahr noch absolut unvorstellbar gewesen wäre: Karneval wird abgesagt. Statt »Kölle Alaaf« fällt Kölle in den Schlafmodus und wacht doch hoffentlich bald auf – wenn Corona wieder ein mexikanisches in Belgien gebrautes Bier ist.

 

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Hier geht es zum Fettnäpfchenführer Köln – Hintergrundinfos zur Reihe finden Sie in diesem Interview mit Verleger Matthias Walter.


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