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Guten Tag, mein Name ist Lachs.

Was man in Taiwan nicht alles für ein Schnäppchen tut

Selten schafft es Taiwan in die internationale Presse. Meist geht es dann um »Chinas Drohgebärden gegenüber der abtrünnigen Provinz« oder um Taifune und Erdbeben. Seit Corona hört man über Taiwan, wie ausgezeichnet es den Ausbruch von Covid-19 bis Mai 2021 zu verhindern wusste – mit Ein- und Ausreisebeschränkungen und Quarantäne-Maßnahmen. Doch es scheint, seit alle auf der Insel mehr oder weniger festsitzen, bringt die Langeweile die Taiwaner auf gar merkwürdige Ideen und damit mal mit anderen Themen in die Medien. Fettnäpfchenführer Taiwan-Autorin Deike Lautenschläger erzählt in unseren CONBOOK Stories von einer folgenreichen Rabattaktion.

 

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Taiwan handelte Anfang 2020 schnell und effektiv und wurde so zu dem fast einzigen Fleckchen Erde, an dem das Leben trotz Covid-19 nahezu unverändert weiterging – ohne Lockdown, ohne R-Zahlen und überlastete Intensivstationen. Am 19. März 2020 riegelte Taiwan für Menschen ohne taiwanische Staatsbürgerschaft und ohne Aufenthaltserlaubnis das Land ab und erlegte den wenigen noch Einreisenden eine streng kontrollierte Quarantäne von zwei Wochen auf. Bis heute erreichen und verlassen kaum noch Flugzeuge die Insel und wenn, dann fast leer.

Inselkoller

Dabei reisen die Taiwaner so gern ins Ausland - wer es sich leisten kann nach Europa, Australien oder in die USA, wessen Budget kleiner ist nach Japan, Thailand oder Korea. Doch nun sitzt man fest im immer gleichen Arbeitsalltag: Großraumbüro, Überstunden und endlos lange Meetings. An den Wochenenden flaniert man durch die Einkaufsstraßen und an Feiertagen bereist man plötzlich überlaufene Reiseziele zu nun überteuerten Preisen auf der Insel, aus denen man sich bisher nicht viel gemacht hat. Langsam schleicht sich ein, was einige hier den »Inselkoller« nennen: eine meist stille Wut oder Frustration, eine Langeweile, gar eine Leere, die es zu füllen gilt – am besten mit Essen, denn auch das machen die Taiwaner für ihr Leben gern.

好便宜 Hǎo piányi! Wow, ist das billig!

Und noch besser, wenn man dabei ein Schnäppchen machen kann. Mit »Kauf-zwei-bekomm-eins-gratis«, »Kauf-eins-bekomm-das-Zweite-zum-halben-Preis« oder »Kauf-drei-und-bekomm-ein-Geschenk-dazu« locken die geschäftstüchtigen Verkäufer und Restaurantbesitzer ihre Kunden an. Da stellt man sich auch gern mal für eine längere Zeit in der Warteschlange an, steht früher auf oder schläft gar vor dem Geschäft, fährt kilometerweite Wege bis zum Angebot oder ...

… ändert seinen Namen. Zu einer solchen Tat verleitete die Taiwaner eine Aktion der japanischen Sushi-Kette Sushiro vom 17.-18. März 2021: Kunden, deren Namen die chinesischen Schriftzeichen für Lachs (鮭魚 guīyú) enthalten, konnten zusammen mit fünf Gästen kostenlos alles essen, was auf dem Sushi-Band an ihrem Tisch auf kleinen bunten Plastiktellerchen vorbeizieht: Nigri, Hoso-Maki, Futo Maki, Te-Maki aus Lachs, Thunfisch, Sumiri, gegrilltem Aal, Riesengarnelen, Lachsrogen oder Omlett, dazu Avocado, Gurke, Bohnen und Okra. Feinschmecker, deren Name gleich klingt wie Lachs also guīyú, erhalten einen Rabatt von 50 Prozent und Sushi-Liebhaber, deren Name dem Klang eines Zeichens des Wortes Lachs gleicht, also guī oder , immerhin noch 10 Prozent.

Die Namensregel

In Taiwan – anders als in Deutschland – kann man mit einem einfachen Gang zum Amt seinen Namen ändern. Viele tun das im Laufe ihres Lebens, sei es zum Beispiel, weil der Wahrsager den Namen als unheilbringend befunden hat, ein Krimineller den gleichen Namen hat oder der Name laut gesprochen an ein Schimpfwort erinnert. Und so zuckten wohl 133 Taiwaner nicht mit der Wimper und änderten kurzerhand ihren Namen zu z.B. Frau Lachs Lin oder Herr Lachs Yang. Und so titeln die internationalen Medien: »Irre Namensänderung in Taiwan - wegen Gratis-Sushi«, »Sushi-Promotion außer Kontrolle«, »Salmon chaos in Taiwan«, »Taiwan: Dozens change name to 'salmon' to get sushi deal« und »À Taïwan, pour avoir des sushis gratuits devenez un Saumon«

Einige dieser sogenannten »Lachsmenschen« posteten Fotos von mehreren fast ein Meter hohen Stapeln aus leeren Tellerchen ihrer Sushi-Orgie und ernteten Lob für die Großzügigkeit gegenüber ihrer eingeladenen Freunde, Bewunderung für ihr gewitztes Gespür für Schnäppchen, ein Lachen über den Übermut, aber zumeist erregten sie Wut und Empörung in der Öffentlichkeit über die Respektlosigkeit gegenüber der Namenswahl ihrer Eltern und der Vergeudung der Arbeitskraft von Beamten.

Doch wer bekanntlich zuletzt lacht, lacht am besten und so hätten einige der 133 Taiwaner über den Namenswechsel besser zweimal nachgedacht. Denn seinen Namen kann man laut den Bestimmungen des Namensgesetzes nur dreimal ändern. Und so soll es tatsächlich den Fall gegeben haben, dass ein Lachsmensch nach der Schlemmerei seinen Namen nicht zurückändern konnte und nun für den Rest seines Lebens »Lachs« heißt.

Neue Werbeaktion

Ende April 2021 warb das Tourismusbüros der Stadt Kaohsiung mit einer ähnlichen Aktion. Die ersten 100 Teilnehmer, deren Namen eines der zwei Zeichen für Kaohsiung 高雄 enthalten, konnten eine kostenlose Nacht in einem Hotel gewinnen. Allerdings machte das Tourismusbüro auf die Regel aufmerksam, dass nur diejenigen berechtigt sind, die ihren Namen schon zuvor hatten. Schließlich wolle man eine Verschwendung der Arbeitszeit der Beamten vermeiden, die die Namen der Leute hin- und her ändern müssen.

Doch nun ist vorerst Schluss mit den ausgefallenen Rabattaktionen, denn seit Anfang Mai 2021 ist das Coronavirus nun doch in Taiwan ausgebrochen und seit Mitte Mai herrscht die Alarmstufe 3, die das Essen in Restaurants verbietet und nur den Verkauf von Essen zur Mitnahme erlaubt. Auch auf unnötiges Reisen innerhalb des Landes soll man verzichten. Im abwechselnden Home Office verlassen sich die Taiwaner nun auf die hiesigen Essenslieferanten. Die Pressekonferenz, in der der taiwanische Gesundheitsminister täglich um 14 Uhr mit müden Augen und strengem Blick die Infektionszahlen und neuen Regeln verliest, haben die Langeweile durch Angst ersetzt. Nur Sticker, die man sich auf LINE, dem Pendant zu Whatsapp in Taiwan, zuschickt, erinnern noch an die unbeschwerte Zeit, als man für einen Rabatt seinen Namen hin- und herwechselte.

 

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Hier geht es zum Fettnäpfchenführer Taiwan. Was bei der Namensauswahl in Taiwan ganz im Ernst alles bedacht werden muss, können Sie im Buch nachlesen oder bei den CONBOOK Good Night Stories hören.


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Die Autorin

Deike Lautenschläger

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Die dunkle Seite (Leseprobe)