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Verfluchter Speiseführer!

Oder: Wie ich eingeschneit in einer Berghütte über Mallorcas Leckerbissen schrieb

Jörg Dauscher hat für CONBOOK einen kulinarischen Reiseführer über Mallorca verfasst – als er auf 2000 Metern Höhe eingeschneit war und festsaß. Während die Wölfe um seine Hütte herumstrichen, schrieb er über Olivenöl, Meeresfrüchte und die Sobrassada. Sein Speiseführer Mallorca erscheint im April 2022 – und hier gibt’s den Vorgeschmack.


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Dass die Produktionsbedingungen für Literatur und Sachbücher etwas suboptimal sind, sollte von vorneherein klar sein: Autoren werden häufig mit einem Pausenbrot abgespeist bzw. auf Tantiemen vertröstet, die irgendwann fließen sollen. Egal was man anstellt, es gibt selten mehr als einen Euro pro verkauftem Buch. Das ist ungefähr der Schnitt beim Verkauf von Obdachlosenzeitungen, wo dann allerdings keine Steuer anfällt und man in die Produktion nicht involviert ist.

Flucht in die Einsamkeit

Den Vogel abgeschossen in Sachen Suboptimalität aber habe ich selbst im letzten Winter, also im Corona-Winter Nr. 1. Und das kam so: Für den CONBOOK Verlag war ich mit einem kulinarischen Reiseführer über Mallorca beschäftigt, hielt mich aber auf dem Balkan auf, genauer gesagt in Südalbanien, wo ich ein altes Haus angemietet habe und zu wohnen versuche.

Die Deadline für die Texte rückte näher und noch ahnte ich nicht, dass die Veröffentlichung coronabedingt um mehr als ein Jahr verschoben werden würde. Deshalb war ich einerseits auf der Suche nach einem Schreibasyl (möglichst abgelegen, wegen der Konzentration) und andererseits auf der Flucht vor den albanischen Visumbestimmungen, die mich nach mehr als drei Monaten im Land schnell außerhalb desselben sehen wollten.

Länder zu wechseln war aber Ende 2020 gar nicht so leicht, Griechenland war komplett dicht, Montenegro ebenso – und daher blieb mir nur der Weg nach Kosovo.

Verfluchte Bücher

Genau diese Geschichte erzähle ich in dem Buch Verfluchte Berge was ich dort nicht erzähle bzw. nur am Rande erwähne, ist, dass ich in der Tat in den Verfluchten Bergen des Kosovo auf einer Berghütte saß, um für CONBOOK das Mallorca-Buch fertig zu schreiben. Zitat aus den Verfluchten Bergen:

 

»Neben eigenen Projekten wollte ich ein Buch über die kulinarischen Traditionen Mallorcas zusammenstellen, inklusive Rezepte und Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Es war nicht ohne Witz, dass da jemand in den kosovarischen Bergen saß und über mediterrane Kochkunst schrieb. Aber erstens dachte ich kaum darüber nach – sondern darüber, wie ich die Arbeit organisieren würde und was ich täglich zu leisten hatte. Zweitens sitzen ganz viele Leute in Berliner Hinterhöfen und schreiben dort über ferne Welten. Drittens war eine fortlaufende Beschäftigung gewissermaßen Bedingung, um hier oben zu bestehen. Ohne würde man wahrscheinlich schon nach wenigen Tagen wahnsinnig werden oder versumpfen. Das Manuskript beziehungsweise die näher rückende Deadline war kein ganz unwichtiger Grund, dass ich überhaupt auf die Idee gekommen war, nach einer Hütte zu fragen: Rückzug, um zu schreiben, ist ein völlig natürlicher Reflex. Je weniger äußere Einflüsse, umso effektiver der Schreibfluss. Zudem war ich bereits ein wenig in Verzug, kam also nicht umhin, Disziplin walten zu lassen und mich Tag für Tag weiter vorzuarbeiten. Material hatte ich dabei, einen Plan ebenso, vieles war schon geschrieben, noch mehr jedoch zu tun.«

Reis mit Brühe

Der Witz dabei war nicht nur die Location, sondern auch, dass ich dort oben von allem abgeschnitten wurde: Ich wurde so richtig eingeschneit und meine Vorräte schwanden. Zuletzt aß ich Reis mit Brühe. Schrieb dabei aber über Olivenöl, die Orangen von Sóller im Besonderen und die Insel der Fülle im Allgemeinen.

Die Hütte lag ausgesetzt mitten in der Wildnis, und eines Nachts hörte man die Wölfe heulen. Ich saß auf einer Insel des absoluten Mangels und schrieb über jene der Fülle. Und ja, komischerweise und zu meinem eigenen Erstaunen: Das geht! Ich erinnere mich an eine zehntägige Fastenkur, während der ich ab dem dritten Tag Rezepte gelesen und ab dem vierten Tag einkaufen ging – mich also, obwohl ich das Fasten beibehalten hatte, intensiv mit der Zeit danach beschäftigte. Auf einer Berghütte aber geht das nicht. Und weil das nicht geht, geht es! Also, ich meine, das Schreiben geht: Über die Hausschlachtungen auf Mallorca, die Sobrassada, das Bauernbrot – ohne dass man gleichzeitig verrückt wird.

Kälte schlägt Heißhunger

Es geht, wenn man Disziplin an den Tag legt, sich also einen Plan macht und die Themen Schritt für Schritt abarbeitet. Komischerweise aber war die Mangelhaftigkeit meines Ernährungsplans psychologisch betrachtet kein Hindernis, das Buch zu schreiben. Ich hatte weder Hunger noch Jieper auf Fleisch, nur weil ich darüber schrieb. Ich hatte ja auch weder Nikotin noch Alkohol dort oben, obwohl ich in der Ebene bzw. in den Städten noch nachts um elf raus wäre, davon zu holen.

Ich glaube dies lag daran, dass die Wirklichkeit aus Berg, Hütte und Schnee, in der ich mich befand, schlicht zu stark war, zu wirkmächtig. Sie hatte diese Bedürfnisse mangels Möglichkeiten, sie einzulösen, einfach ausgelöscht. Nicht von heute auf morgen, aber im Verlauf der Wochen, die ich dort oben verbracht habe. Daher glaube ich inzwischen, dass wir nur nach Dingen gieren, die in unserer Reichweite sind. Sind sie das nicht, dann stirbt die Gier von alleine.

Alles nur Halluzination?

Ob ich nicht lieber auf Mallorca gewesen wäre während dieser Zeit, hat mich jemand gefragt. Ich habe gesagt: Bei Gott, nein! Mallorca im Januar, furchtbar. Kalt, feucht, grausam! Dann lieber richtig Winter im Winter! Und darüber hinaus, wer sagt denn, dass das Schreiben über etwas nicht sogar intensiver wird, wenn man davon ganz und gar abgetrennt ist und sein Sujet wie eine Traumwelt betrachtet.

Ich habe ja auch Rezepte geschrieben – habe ich diese halluziniert? Habe ich vom Rezepteschreiben vielleicht sogar ausreichend Energie gezogen, um über mein eigenes karges Mahl hinwegzusehen? Jedenfalls nahm ich ein komplettes Manuskript mit ins Tal, als ich Mitte Januar schlussendlich doch abgeholt wurde (wie das geschah ist noch so eine Geschichte) und es hinunter ging. Unten angekommen begann ich wieder zu schreiben, in Peja, im Kosovo. Diesmal über die Zeit dort oben, in der weißen Wüste zu Füßen des Bergmassivs der Hajla. Und so kam es, dass das eine Buch das andere einfach mal überholte: Die Verfluchten Berge sind im September 2021 bei Dumont erschienen, der Speiseführer Mallorca kommt im Frühjahr 2022.

 

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Jörg Dauschers Verfluchte Berge. Von einem, der eingeschneit wurde und das Fürchten verlernte ist im DuMont Reiseverlag erschienen und für 16,95 € im Handel erhältlich. Der Speiseführer Mallorca erscheint im April 2022.

Außerdem im Frühjahr 2022 bei CONBOOK: Veronika Wengers und Jörg Dauschers Reise-Inspirationsband Nachtzugreisen. Die schönsten Strecken Europas.


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Der Autor

Jörg Dauscher

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