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Bangalore Masala

Bangalore Masala

Indien-Krimi

Ein fesselnder Roman mitten aus der indischen Kultur (Premium-Taschenbuch, € 12,95 [D], € 13,40 [A], SFr. 18,90* [CH], ISBN 978-3-943176-64-3)

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Bangalore Masala

Indien-Krimi


Der betagte gelbe Schulbus mit der Aufschrift Valley School Bangalore hupt und wirbelt Staub auf beim Bremsen. Der Schaffner in seiner Khaki-Uniform springt vom Trittbrett und scheucht die Kinder mit Pfiffen aus der Trillerpfeife in den Bus. Über die Köpfe der Kinder hinweg reicht Anjali Ishaan das tiffin, das Amma bereitet hat, und schickt ihm zum Abschied einen Luftkuss. Nachdem das letzte Kind den Bus bestiegen hat, schlägt der Schaffner dreimal mit der flachen Hand aufs Blech der Karosserie, lässt sie dröhnen wie eine thavil beim Tempelfest, fasst den Handlauf und schwingt sich im Anfahren aufs Trittbrett, von wo er sich weit in den Fahrtwind hinauslehnt. Mit Rattern und krachend einrastenden Gängen drängelt sich der Bus in den Verkehrsfluss, stößt zum Abschied eine schwarze Dieselwolke aus. Anjali, die ihm nachschaut, sieht eine kleine Hand zwischen den Eisenstangen der hinteren Fensteröffnungen mit einem Papierfetzen, in den das jalebi eingewickelt war, winken. Einen Moment lang fühlt sie Ärger in sich aufsteigen, dann seufzt sie und mit einem Lächeln winkt sie zurück.

Wie sie dort an der Straße steht, am Rand dieser gewaltigen Bewegung, vor ihr dieses rastlose Vorwärts und immer Vorwärts, überwältigt sie wie oft schon das Gefühl, als ob Ishaan hinausgetragen würde in eine fremde weite Ferne. Als ob er in diesem Meer aus Straßen, Häusern, Menschen und Fahrzeugen unaufhaltsam für immer verschwände. Ein winziger Tropfen im Ozean der Stadt, einmal eingetaucht unauffindbar. Ihre Hand krampft sich um den Riemen ihrer Tasche. Stopp! ruft sie sich zur Ordnung. Alles ist gut, versichert sie sich selbst und wendet sich zum Gehen.

Und Ishaan ist tatsächlich unterwegs in eine andere Welt. Nach weniger als einer Stunde Fahrt wird er mitten in der Natur angekommen sein. Die Weite der karnatischen Landschaft, der Dschungel wird sich vor ihm öffnen: mittendrin seine Schule, wie eine Insel. Ganz bewusst hat Anjali sich für diesen Ort, die Valley School an der Grenze zum Nationalpark entschieden, die Anfahrt in Kauf genommen, um Ishaan mit etwas zu verbinden, was ihr selbst immer wichtiger wird und wovon sie sich in der Megametropole oft abgeschnitten fühlt: ursprüngliche Natur.

Schnell löst sich der Kreis der Mütter auf. »See you! See you!« Wieder steht Anjali an der Kreuzung. Sie fächelt sich mit ihrer dupatta Kühle zu, denn schon ist die Hitze da. Gegenüber die geschwungene Glasfassade des halb fertigen Gebäudes reflektiert Sonnenstrahlen in Bündeln weißen Lichts. In den blaugetönten Scheiben spiegeln sich die blattlosen filigranen Zweige eines Jakarandrabaums, dessen Blütenbüschel violett leuchten. Geblendet kneift sie die Augen zusammen.

Wenige Meter vor der hoch ragenden Front des Baus haben Arbeiter mit ihren Familien Behausungen errichtet. Anjali hat die Ansiedlung schon lange wahrgenommen. Heute schaut sie zum ersten Mal genau hin. In ihrem Kopf bilden sich Sätze für einen Artikel, mit dem sie auf die himmelschreiende Lebenssituation der aus Bangladesh und Bihar eingewanderten Arbeitskräfte aufmerksam machen möchte.

Die Behausungen, elendige Hütten, eilig zusammengefügt aus weggeworfenen Materialien, werden demnächst wieder verschwunden sein. Wenn der Bau beendet ist und die Arbeiter mit ihren Familien weiterziehen, werden die Bagger sie zu einem Haufen Schutt zusammenschieben.

Vor den Behausungen, im verdorrten Gestrüpp, haben sich Papier- und Plastikfetzen verfangen, häuft sich Bauschutt auf. Eine Gruppe Bauarbeiter, Männer und Frauen, sitzen gegen Hügel aus Sand und Zement gelehnt. Ihre Hände sind erdverkrustet und ihre Gesichter grau vor Staub. Eine Frau im verblichenen Sari geht langsam an ihnen vorüber. Auf dem Kopf trägt sie eine ausladende eiserne Schale, auf der sich Zement türmt. Dicht an der Straße steht ein Mädchen in einem zerrissenen langen Rock, mit einem Kleinkind auf der Hüfte. Die verfilzten Haare stehen ihm in Büscheln um den Kopf. Es schaut mit vorgeschobener Lippe unbeteiligt auf die Kolonne der Fahrzeuge, die dicht an ihr vorbeirollt.

›Sie sollte in der Schule sein‹, denkt Anjali bekümmert.

Unterwegs in die Redaktion ragen über Anjali Betonsäulen der im Bau befindlichen Hochbahn empor. Sie ist spät dran für die Morgenbesprechung. Wenn es doch nur voranginge. Es ist fast neun Uhr und nichts geht mehr auf der Straße. Eben noch war sie schildkrötengleich in ihrem Maruti vorangekrochen, jetzt ist alles zum Stehen gekommen. Anjali umklammert das Lenkrad mit beiden Händen. Sie steckt mitten in einem Albtraum, eingekeilt von Fahrzeugen, gemartert von Tausenden von Hupen, den Donnerschlägen der Bagger von der Baustelle und dem Geschrei der Bauarbeiter. Ausgesetzt. Auf der Gegenspur der gleiche Stillstand. Aus den Betonsäulen ragt ein Wald aus Eisenstangen in den Himmel. Hier gab es noch letztes Jahr eine Allee mächtiger Neembäume, deren dicke Äste über die Fahrbahn hinweg ineinandergriffen und einen, von Lichtlinien durchzogenen grünen Dom bildeten, unter dem alte Villen in Gärten ruhten. Selbst zu Rushhour-Zeiten waren die Staus und Halts im Schutze der Bäume für Anjali beruhigend gewesen, wohlbehütet und beschattet im Stillstand.

Die Metro, seit Jahren im Bau, kommt ihr vor wie ein Monster, das das Grün der Stadt verschlingt und Beton ausspeit. Ein Zyklon in slow motion frisst sich durch die Stadt und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Als ob eine Horde Dinosaurier darüber hinweggewalzt wäre, breitet sich nun links und rechts von dem in ein Rinnsal gezwungenen Verkehr eine festgestampfte, lehmige Wüste aus. Staubig, heißglühend, während hinter den Bauzäunen Höllenmaschinen lärmen. Der Bau der Metro hat die Gartenstadt Bangalore in vielen Teilen in ein Chaos verwandelt.

Anjali betrachtet das schlichte, wie mit Kreide gezeichnete kolam auf den blauen Bauzäunen, das Symbol für die neue Metro, das aussieht wie das Zeichen auf der Apfeltaste des Mac. Namma Metro Bangalore steht darunter. Unsere Metro. Soll das bedeuten, dass sich das Bauen unendlich fortsetzen wird, so wie die unendliche Linie des kolams? Anjali erscheint das überaus wahrscheinlich. Und sicher erscheint ihr auch, dass dies ein Wettrennen ist, das die Metro niemals für sich entscheiden kann. Immer wird die rasant wachsende Zahl der Autos die Metro überholen. Die Betonpfeiler, aus denen Stahlstangen in den Himmel ragen, sind Mahnmale für den Verlust der Stadt als Ort der Menschen. Wenn der Bau endlich, in vielen Jahren, so weit sein wird, um den Menschen zu Diensten zu sein, wird es zu spät sein, befürchtet sie. Dann werden die Schienen der Bahn über das unveränderte Chaos unter ihnen führen. Das Opfer von Tausenden alter Bäume wird umsonst gewesen sein. Der Verlust der gewachsenen Nachbarschaften, die dem Bau weichen mussten, wird die Spannungen zwischen den Menschen verstärken. ›Ishaan, alle Kinder, die jetzt in dieser Stadt leben, werden teuer für die Fehler, die wir heute geschehen lassen, bezahlen‹, denkt sie bedrückt. Schon jetzt leiden viele Kinder unter Störungen der Atemwege, haben Allergien. Wir arbeiten tatsächlich gegen die Zukunft unserer Kinder und gegen unsere eigene Zukunft. Wie konnte es so weit kommen? Wird Ishaan ihr eines Tages vorwerfen »Ihr habt es gewusst. Warum habt ihr nichts getan?« Auch um dieser Frage standhalten zu können, engagiert sie sich bei Action Green. Für die Zukunft von Ishaan.

Anjali beschattet die Augen mit der Hand. Das Licht, hart und grell, löst einen dumpfen Schmerz hinter ihrer Stirn aus. In ihrem sechs Jahre alten Maruti, ohne Klimaanlage, sitzt sie schutzlos den Abgasen ausgeliefert im von der Sonne aufgeheizten Gefährt. Fast meint sie, das Gift in der Luft auf ihrer Haut zu spüren. Sie zieht ihre dupatta über den Mund und atmet flach. Wenn sie sich wenigstens auf dem Rücksitz mit einer Zeitung zurücklehnen könnte. Doch Mohanlal, ihr Fahrer von der Agentur, hat ihr vor einer Stunde abgesagt. Ein lukrativerer Auftrag, eine Fahrt nach Chennai. Ein lukrativerer Auftrag? Klar, er muss an seine Familie denken, drei Personen müssen von seinen geringen Einkünften leben, da kommt ihm ein solcher Auftrag gerade recht. ›Familie kommt immer zuerst‹, denkt Anjali resigniert. Und doch fühlt sie sich verraten. Schließlich war er schon fast zu einem Familienmitglied geworden, hat Ishaan regelmäßig zum Sport gefahren und sie zur Arbeit und zurück. Sie kann sich keinen angestellten Fahrer leisten und auch kein neues Auto – was Mrs Gupta immer wieder mit abschätzigen Bemerkungen kommentiert. Mohanlal ist der Schutz, den sie braucht, wenn sie wegen ihrer Arbeitsaufträge oft noch spät nachts unterwegs ist. Nach dem Erlebnis an der Bushaltestelle im letzten Jahr, als sie eine Rikscha heranwinken wollte, hat sie sich für einen Fahrer entschieden.

Mit Schaudern denkt sie daran, wie sie plötzlich umringt war von grölenden Kerlen, die aus der Rikscha gesprungen sind. Einer hat nach ihrer dupatta gegriffen, sie an sich gezerrt, sie ist gestolpert, gegen einen anderen gestoßen, der sie am kameez gepackt hat, sodass es mit einem Zischen bis fast unter die Achsel aufgerissen ist. Ihre Hilflosigkeit in diesen Augenblicken, ihr Schreck, ihre Panik treiben ihr noch heute den Schweiß in den Nacken, wenn sie daran denkt. Bevor sie wirklich erfasst hatte, was geschah, hörte sie das Röhren des Busses, das Quietschen der Bremsen und der Busfahrer stand plötzlich zwischen ihr und den Angreifern. Mit einem Stock hat er sie vertrieben, schnell wie ein Spuk sind sie mit der Rikscha verschwunden.

Der Gedanke an das Erlebnis lastet noch immer auf ihr. Die Angst ist immer bereit, wieder aufzuflammen, draußen im Dunkeln. Sei es, dass ein Mann zu dicht hinter ihr geht, eine Rikscha zu langsam an ihr vorbeifährt, ein Mann sie zu lange anstarrt.

Ihr Artikel zu den Vergewaltigungen, die immer mehr in der Öffentlichkeit bekannt wurden, war authentisch. Sie war eine Betroffene. Als Betroffene noch einmal davongekommen. Und zu ihrem eigenen Entsetzen war da plötzlich ein Gedanke aufgeblitzt tief in ihr. Wütend und kalt. Noch jetzt werden ihre Wangen heiß vor Scham, wenn sie sich erinnert.

»Das kommt davon. Selbst schuld.« Die Stimme in ihrem Kopf war hart und scharf. »Benehmt euch wie anständige Frauen, treibt euch nicht spät nachts herum, haltet euch an die Regeln. Wer sich anständig benimmt, dem geschieht auch nichts.« Diese Wut, massiv wie Stein, hat sie geschockt. »Bin das wirklich ich, die so denkt – ich, die aufgeklärte Journalistin, die moderne Frau?« Sie kann sie nicht vergessen, diese Stimme. Wird sie sie wieder überfallen, wie ein Feind aus dem Hinterhalt? Sie legt eine Hand in ihren verschwitzten Nacken, strafft die Schultern und zwingt den Gedanken daran mit aller Kraft nieder.


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