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Hanoi Hospital

Hanoi Hospital

Vietnam-Krimi

Ein fesselnder Roman mitten aus der vietnamesischen Kultur (Premium-Taschenbuch, € 12,95 [D], € 13,40 [A], SFr. 18,90* [CH], ISBN 978-3-943176-91-9)

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Hanoi Hospital

Vietnam-Krimi


Linh

 

Es war bald Mittag und Linh war satt. Sie hatte den ganzen Morgen über nichts anderes getan, als zu essen – oder am Esstisch zu sitzen, was auf dasselbe herauskam. Kein Wunder, dass Linh solche Familienfeiern immer extrem ermüdend fand.

Ihr Blick schweifte über die Teller und Schüsseln auf der Matte, in denen nur noch vereinzelte Reste lagen. Während der harte Kern der Männer noch immer lautstark debattierte (und trank), waren einige Gäste bereits in Aufbruchsstimmung, andere schienen von irgendwoher wiederzukommen. Es war ein ständiges Kommen und Gehen.

»Onkel Bùi«, rief Linh einem schmächtigen Mann zu, der gerade zum Tor ging. Er drehte sich um, begrüßte Linh herzlich, plauderte kurz mit ihr, erkundigte sich nach ihrer Arbeit, fragte höflich, wann sie heiraten würde und wollte sich dann entschuldigen. »Ich muss meiner Frau noch helfen, den Brunnen zu säubern. Wir sind nachher wieder da.«

»Ich komm gerne mit, Onkel Bùi«, sagte Linh.

»Komm nur, komm nur«, sagte er und humpelte langsam auf die Dorfstraße zu. Er hatte als Jugendlicher kurz nach Kriegsende in eine Mine gegriffen und bei der Explosion sowohl seine rechte Hand als auch sein rechtes Auge verloren und sich schwer am Bein verletzt. Beeinträchtigungen, die man ihm trotz ihrer Schwere erst auf den zweiten Blick anmerkte, so sehr hatte Onkel Bùi es in den vergangenen Jahrzehnten perfektioniert, damit zu leben.

Gemeinsam schritten sie über den asphaltierten Dorfweg zu seinem Hof, nicht weit vom Haus des Ahnenaltars entfernt. Ein in eine gemauerte Wand eingelassenes Holztor führte zu einem Innenhof mit einem groß angelegten Gemüsegarten, einem flachen Haupthaus und einem viereckigen Wasserbassin, das im Schatten einiger Bäume stand. Bùis Frau stand inmitten des steinernen Beckens und schöpfte mithilfe eines Eimers Wasser heraus, das spritzend auf den steinernen Boden fiel. Sie trug graue, fleckige Arbeitskleidung und einen runden Strohhut, unter dem ihr braungebranntes, faltiges Gesicht zum Vorschein kam – das typische Gesicht der Menschen, die täglich unter der Sonne arbeiten. Linh errechnete ihr Alter im Kopf auf knapp 60 Jahre, aber sie stieg mit ihren sehnigen Beinen über die brusthohe Mauer, als sei sie höchstens 20. Ihre Plastiksandalen klatschten auf dem Steinboden auf.

»Hier pflanzen wir Melonen, und dort drüben Gurken«, erklärte Onkel Bùi, der sich sichtlich über den Besuch von Linh freute und mit der linken Hand über seinen Vorhof deutete, in dem mindestens ein Dutzend unterschiedlicher Sorten an Gemüse und Obst wuchsen. Vor dem Haus hingegen stapelten sich alte Fernseher; Röhrengeräte wie Linh sie in Hanoi schon lange nicht mehr gesehen hatte. Bei den meisten fehlte die hintere Abdeckung. Elektrische Kabel ragten heraus, auf einem der Fernseher lag eine angerostete Platine.

»Ist das Schrott?«, fragte Linh.

»Schrott?«, Onkel Bùi lachte. »Mädchen, den Großteil davon habe ich repariert. Die sind alle hier, damit ich sie repariere.«

»Das ... kann man noch reparieren?«

»Natürlich«, Onkel Bùi nickte und warf einen sanften, fast liebevollen Blick in Richtung Fernseherhaufen. »Da muss man nur hier und da ein paar Kabel austauschen oder an ein paar Schaltkreisen arbeiten. Alles möglich.«

»Ich wusste gar nicht, dass du so etwas kannst. Morgens pflanzt du Kürbisse und nachmittags reparierst du Schaltkreise?«

Onkel Bùi nickte. Linh fragte sich, wie er das alles mit seiner fehlenden Hand bewerkstelligte, aber sie wusste nicht, wie die Frage klingen würde, also schwieg sie. Ein älterer Mann trat in den Hof und nickte Onkel Bùi mit einem fast zahnlosen Lächeln zu.

»Lực«, begrüßte ihn Onkel Bùi. »Nichte, das ist Trần Văn Lực, der Vater von deiner Tante Ngọc.« Bùi führte den Gast direkt zu einem der Geräte und fing an, zu erklären. »Kann sein, dass er auch künftig wieder flackert, dann bring ihn noch mal vorbei.«

Linh folgte den beiden mit ihrem Blick, als ihr etwas einfiel.

»Onkel Lực, gehört zu eurer Tràn-Familie nicht das Grab neben dem von Urgroßvater Liên?«

Der alte Mann schien kurz zu überlegen, dann lachte er.

»Zu uns? Wie kommst du denn darauf?«

»Jemand hat erzählt, ihr hättet es bepflanzen wollen.«

Lực schüttelte den Kopf. »Nein, nein, Kind, das gehört nicht uns. Das gehört zu euch. Da liegt ein Bruder von eurem Urgroßvater Liên, das weiß doch jeder. Und weil der Bruder in Ungnade gefallen war, wurde das Grab nicht abgedeckt. Das hat damals der Wahrsager so entschieden. Altbekannte Geschichte.« Er nickte heftig.

»Ich dachte immer, das Grab gehört den Phạms«, mischte sich Onkel Bùi ein.

»Ja«, sagte Linh nachdenklich. »Das hat Vater auch gesagt.«

»Ach ja? Ist mir neu«, sagte Lực. »Na dann gehört es eben den Phạms.«

Nur gehörte es denen offenkundig auch nicht.

Seltsam.

 

Tuân

 

Es gab einen Punkt in der Lãn-Ông-Straße, an dem der Geruch von Seife überging in den Geruch von scharfen Kräutern und Gewürzen. Hupend fuhren Motorroller und Taxis durch die enge Altstadtstraße, dazwischen die kleinen Elektrobusse mit ihren sechs Sitzen, die man nur hier sah und in denen lächelnde Touristen mit blondem Haar und Sonnenbrillen saßen. Die vordere Hälfte der Lãn Ông war von Geschäften gesäumt, die Windeln verkauften, Milchpulver und Shampoo. Flauschige, bunte Handtücher stapelten sich neben dicken Rollen von Toilettenpapier. Der schmale Gehweg zu beiden Seiten war mit parkenden Motorrollern zugestellt, die oberen Stockwerke der Häuser mit Wellblech zugehämmert oder mit Gittern versehen, von einem offenen Balkon rankten sich Topfpflanzen. Unter einem schiefen Baum, der quer über die Straße ragte, verkaufte eine Frau aus ihren zwei Tragekörben heraus bunte Armreife, Haarspangen und Stoffmasken gegen den Verkehrsstaub. Junge Männer packten vor einem der Läden Seifenspender in Kartons und verschlossen sie mit Klebestreifen, die ein ratschendes Geräusch machten, als sie abgetrennt und aufgeklebt wurden. Es war das sinnbildliche Geräusch für ein geschäftiges Treiben. Das übliche farbenfrohe und lärmende Bild der Hanoier Altstadt.

Dann legte sich mit einem Schlag der beißende Geruch der traditionellen Apotheken über die Atemwege und drang wie dichter Staub in die Lunge ein. Gleichzeitig wurde die Straße dunkler. Zu beiden Seiten wuchsen Bäume aus dem Asphalt und bildeten über dem Verkehr ein Blätterdach. Die Häuser wurden höher, nobler. Drei oder vier Stockwerke, die meisten frisch in hellen Pastelltönen angestrichen. Davor hingen wie schwere Spinnweben die dicken Kabelstränge, die sich die Straße entlangzogen. In den Geschäften stapelten sich nun säckeweise Zutaten – Gewürze und Kräuter, getrocknete Pilze, Honig, Knollen, geraspelte Rinden und Wurzeln in durchsichtigen Tüten. Ein süßlich-scharfes Aroma lag über der Straße, und es wechselte sich ab mit beißenden, bitteren Noten. Von den Türrahmen hingen Plastiksäcke mit getrockneten Tierkörperteilen, mit Fledermausflügeln, Geckos oder Vogelknochen. Die Apotheken und Läden, die hier ihre Waren verkauften, waren alt, sehr alt. Einige von ihnen brüsteten sich damit, schon zu Zeiten der vietnamesischen Könige hier in der Altstadt Medizin an den Königshof geliefert zu haben. Und das hatte schon immer eines bedeutet: Wohlstand. Auch wenn man es heute nicht mehr allen Geschäften ansah, vor denen im Halbschatten die Verkäufer auf kleinen Stühlen saßen und dösten, niemand musste seine Blätter, Blüten und Kräuter anpreisen.

Tuân war auf der Suche nach einer bestimmten Apotheke am Ende der Straße. Er passierte eine Baustelle, vor der schwitzende Arbeiter mit schweren Schaufeln Zement und Sand auf dem Gehweg von einer Stelle an die andere beförderte. Überall in der Altstadt wurde ständig gebaut, renoviert, ausgebessert. Jedes Mal, wenn Tuân in die Altstadt fuhr, schien ein neues Haus hochgeschossen, oder ein altes Haus hatte sich in einen Laden aus Glas, Chrom und Neonlicht verwandelt. Er konnte sich nicht erinnern, dass es früher in der Altstadt so viele kleine Hotels, Bars, Reisebüros und Geschäfte mit gläsernen Türen gegeben hatte. Die Lãn-Ông-Straße trotzte dem Trend noch. Weitgehend. Aber auch hier waren überall Touristen unterwegs. Ein junger Westler in grellgelbem T-Shirt und mit Rucksack schlurfte ihm langsam entgegen, eine Zigarette im Mund. Tuân fragte sich manchmal, was genau diese Touristen eigentlich den ganzen Tag taten. Tây ba lô wurden sie im Vietnamesischen genannt, »Rucksack-Westler«. Er hatte gehört, die Rucksäcke dieser Ausländer seien deswegen so schwer und so groß, weil sie durch die ganze Welt reisten, und überall, wo sie hinkamen, kauften sie Sachen und steckten sie in ihren Rucksack. Deswegen brauchten sie so geräumige Rucksäcke. Tuân stellte sich das sehr anstrengend vor, auf einer Reise um die Welt einen Rucksack voller Souvenirs mit sich herumzuschleppen. Andererseits: Was für ein wunderbares Gefühl musste es sein, einfach reisen zu können? Frei zu sein, ohne Geldsorgen, einfach dorthin zu gehen, wo der nächste Einfall einen hintrieb. Er schob den Gedanken beiseite. Das war das Leben von Reichen. Es war nicht sein Leben, konnte niemals sein Leben sein.

Er stoppte seinen Motorroller vor einer der traditionellen Apotheken, die kaum Säcke zur Schau stellten. Dafür standen im Inneren lange Regalwände aus dunklem, poliertem Holz, mit unzähligen Schubladen, auf denen in feinsäuberlicher Handschrift Beschriftungen prangten. In der Ecke döste auf einem Stuhl eine alte Frau mit flachem Gesicht und zum Pferdeschwanz gebundenem Haar. Sie öffnete blinzelnd die Augen, als Tuân die zwei Stufen in den Laden hineinkam, und trat dann hinter den langgezogenen, gläsernen Tresen, der den Raum von der Schrankwand trennte.

»Ich brauche etwas für meine Frau«, sagte Tuân. »Sie hustet.«

Die alte Frau sah ihn mit wachen Augen an, aus einem faltigen Gesicht mit heller Haut, die mit zahlreichen Altersflecken gesprenkelt war.

»Weswegen hustet sie denn?«, fragte sie.

»Das weiß nicht nicht.«

»Hm, hm«, machte die Frau. »Nun, junger Mann, es ist so: Husten kann verschiedene Ursachen haben; man kann husten, weil der Körper zu kalt ist, oder man kann husten, weil die Lunge zu warm ist, oder weil die inneren Organe zu trocken sind. Das alles erfordert jeweils ganz andere Wege, verstehst du. Wenn es zu kalt ist, müssen wir Wärme zuführen. Wenn es zu warm ist, müssen wir kühlen. Es ist alles eine Frage des khí.«

»Nun, das weiß ich alles nicht.«

»Hustet sie Schleim? Klingt ihr Husten feucht oder trocken?«

»Eher ... rasselnd.«

»Hm, hm.«

»Er kommt relativ häufig und kurz.«

»Häufig klingt nach Aktivität, nach Wärme, nach Feuer«, sagte die Frau nachdenklich. »Wenn es rasselt, klingt das nach Schleim, das ist auch ein Zeichen für zu viel Wärme. Ich würde sagen, sie hat zu viel Wärme in der Lunge, zu viel Wärme in der Blase und einen feurigen Rachen ...«

Tuân nickte unsicher, während sich die Frau zu ihrem Schrank umdrehte und verschiedene Fächer öffnete. Sie zog ein Papiertuch aus einer Schublade, breitete es auf dem Tisch aus und häufte dann verschiedene Zutaten darauf, während sie leise murmelnd von Schublade zu Schublade ging.

»Getrocknete Pinellien, Wurzeln der Ballonblume ... Ephedrakraut, Cynanchum ... Mal sehen, mal sehen ... Vielleicht noch geriebenen Schlangenhaarkürbis ... Warum nicht? Und dann gestampfte Kletten ...«

Der Haufen an Zutaten auf dem Papiertuch wuchs langsam an, eine Mischung aus überwiegend rötlichen, kleinteiligen Blättern, Wurzeln und scharf riechenden Blüten. Tuân sah zu, wie sie die kleinen Schubladen aufzog und wieder schloss, trotz der überwältigenden Menge an medizinischen Wurzeln, Kernen und Kräutern, schien sie genau zu wissen, wo die nächste Zutat zu finden war. Je länger er ihr zusah, desto mehr wurde ihm bewusst, dass sie die erste Person war, die sich für ihn und Yen Zeit genommen und mit ihm ausführlich über den Husten gesprochen hatte. Vielleicht hätten sie einfach eher hierher kommen sollen.

»Husten kann auch einfach ein Zeichen dafür sein, dass der Körper versucht etwas abzustoßen«, fügte die alte Frau dann noch hinzu, als sie das Papiertuch zu einem Bündel zusammenlegte und es ihm überreichte. »Negative Energie sucht sich den Weg nach außen. Ihr solltet das beobachten, Kinder. Am besten wäre es, sie käme selbst vorbei.«

Tuân nickte wieder.

»Danke, Großmutter«, sagte er leise. Seine Stimme klang belegt.

Sie nannte einen Preis; es war viel günstiger, als alles, was sie bislang den Krankenhäusern und Ärzten gezahlt hatten.

 

Linh

 

Über dem Haus des Ahnenaltars brachen ein paar Strahlen der Nachmittagssonne durch die graue Wolkendecke. Gelegentlich wehte eine leichte Böe. Die Festgesellschaft hatte sich in den Vorhof verlagert, wo rund um die Holztische die Gäste saßen, grünen Tee tranken, rauchten, Obst aßen und Kerne ausspuckten. Einige der besonders heftig feiernden Männer vom Vormittag lagen auf dem mit Strohmatten ausgelegten Steinfußboden und schliefen ihren Rausch aus.

Linh schaute über den Hof hinaus in Richtung der Reisfelder. Einige Bäume standen am Wegrand, eine Bäuerin führte ihren Wasserbüffel über die kleine Brücke eines Kanals, der die Reisfelder mit Wasser versorgte. Vögel zwitscherten. Für einen kurzen Augenblick stellte Linh sich vor, ihre Familie wäre nicht in die Stadt gezogen und sie nicht auf die Universität gegangen, sondern hätte hier geheiratet und heute ebenfalls zwei Kinder sowie einen Hof mit Gemüsegarten und Reisfeld. Dann blieben ihre Augen an den aus den Reisfeldern ragenden Granitsteinen hängen, und der Gedanke verschwand.

»Vater, erinnerst du dich noch an die Sache mit dem Grab von heute Morgen, das angeblich den Phạms gehört?«

Die Gesprächspartner ihres Vaters hatten sich gerade verabschiedet. Er saß nun neben ihr auf der Bank und kaute Kürbiskerne. Nachdem er ebenfalls über Mittag eine Stunde geschlafen hatte, sah er schon deutlich besser aus. Er nickte.

»Die Phạms sagen, es gehört zum Clan der Trầns. Und die Trans sagen, es gehört uns.«

»So? Was für ein Unsinn. Es gehört nicht uns«, sagte ihr Vater.

»Ja, aber wem gehört es denn dann?«

»Na, den Phạms.«

»Nein, denen gehört es nicht.«

»Linh, mir ist gerade nicht nach Rätseln. Irgendjemandem wird es schon gehören.« Ihr Vater schaute auf seine Armbanduhr. »In der nächsten Stunde sollten wir wohl gehen. Wo ist denn dein Bruder?«

»Vielleicht gehört das Grab niemandem«, Linh blieb hartnäckig.

»Das kann nicht sein, schließlich hat es jemand irgendwann mal angelegt.«

»Und wenn dessen Familienzweig mittlerweile ausgestorben ist?«

»Vielleicht. Warum beschäftigt dich das denn so?«

Ja, warum eigentlich? Anfangs war es nur das ungewöhnlich offene Grab gewesen, vielleicht auch die aus der Erde herausragende Plastiktüte, die dem Grab einen so trostlosen Eindruck verlieh. Danach war es wie ein Puzzle-Spiel geworden, nachdem sich plötzlich herausgestellt hatte, dass die Phạm-Familie eine ganz andere Version über den Ursprung hatte. Es war ein Rätsel, das in ihrem Hinterkopf saß und sie nicht mehr losließ. Begann nicht auch die berühmte Geschichte von Kiêu damit, dass Kiêu vor einem namenlosen Grab stand, einem Erdhaufen, und ihr anschließend der Geist der Verstorbenen erschien? Sie hatte das vietnamesische Nationalepos immer gemocht.

Namenlos ... War das Grab von heute Morgen denn überhaupt namenlos gewesen? Es hatte keine Abdeckung gehabt, aber sehr wohl einen Grabstein, und sie meinte sich an eine Schrift darauf zu erinnern. Eigentlich müsste sich das Rätsel doch ganz einfach lösen lassen, wenn man nur einfach den Namen überprüfte.

»Du hast recht, Vater«, antwortete sie. »Es ist Unsinn. Ich weiß nicht, warum es mich so beschäftigt. Irgendjemandem wird es schon gehören.«

Ihr Vater winkte ab und murmelte etwas. Dann gesellte sich Tante Uyên zu ihnen, und schlug vor, dass sie noch bei Tante Ngân vorbeischauen sollten. Sie war krank und hatte deswegen nicht zum Fest kommen können. Verschiedene Familienmitglieder liefen also an der Dorfstraße entlang zum Haus von Tante Ngân hinüber, und die Familie von Tante Ngân lud daraufhin die Gäste spontan zum Abendessen ein. Es war, kurz gesagt, wie immer. Vor Einbruch der Dunkelheit würden sie kaum wieder in Hanoi sein.

Linh saß am Tisch zwischen ihren Verwandten und schaute müde auf die Straße vor Tante Ngân Haus, wo die Kinder Ball spielten. Plötzlich fiel ihr auf, dass sie gar nicht weit von der Stelle mit den Gräbern entfernt war. Am Ende des kurzen Feldweges, links vom Kanal, lagen schon die Reisfelder. Sie sah auf die Uhr und dann zum dämmrigen Himmel.

»Ich bin gleich wieder da«, sagte sie ihrem Bruder, stand auf und schritt zielstrebig auf den Feldweg zu. Der östliche Himmel war bereits in ein schwarzblaues Dämmerlicht getaucht, als sie schließlich über die Grasböschung zu den Gräbern schritt. In weniger als einer Viertelstunde würde es dunkel sein. Linh konnte sich noch immer nicht erklären, warum die Geschichte sie nicht losließ, abgesehen von simpler Neugierde und dem Gefühl, ein Rätsel auflösen zu müssen. Sie musste einfach noch einmal auf die Schrift am Grab schauen.

Sie versuchte ihre Schritte auf der schmalen Böschung, die zwei Reisfelder trennte, vorsichtig zu setzen. Noch immer war die Erde durch den Regenguss feucht und morastig. Ein falscher Schritt, und sie würde wie schon heute Morgen einsinken.

Dann stand sie an den vier Gräbern. Das heruntergebrannte Bündel Räucherstäbchen in Urgroßvater Liêns Grabplatte ragte wie ein Büschel umgeknickter Grashalme hervor. Linh trat näher an das offene Grab heran. Ihre Augen suchten den Stein nach Inschriften ab. Nichts. Linh seufzte enttäuscht.

Die graublaue Plastiktüte ragte noch immer aus der Erde. Sie zog daran. Auch wenn das Grab niemandem gehörte, musste es ja nicht wie ein Müllplatz aussehen. Die Tüte aber schien tief in der nassen Erde festzustecken. Linh zog noch einmal mit einem Ruck. Die Erde auf der anderen Seite des Lochs geriet ins Rutschen. Wie groß war diese Tüte? Kein Wunder, dass ...

Da gab die Tüte plötzlich nach und riss. Ein bestialischer Gestank schlug Linh entgegen. Sie schnappte nach Luft und stolperte zwei Schritte rückwärts. Ihre Füße sanken im Matsch ein, ihr Blick blieb gefangen auf der Graberde, zwischen der jetzt ein breites Stück aufgerissener Tüte zu sehen war.

Aus der Tüte ragte ein menschlicher, verwester Fuß.


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